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Je größeren Wert aber Stoecker dem religiösen Studium
der Schriftwahrheit beilegte, um so entschiedener widersprach
er der Lehre von der Verbalinspiration; wider den Unverstand
einzelner Vertreter dieser Anhauung konnte er recht sarkastisch
werden, wenigstens im vertraulichen Kreise. Aber auch öffentlich
kämpfte er dagegen, weil er den großen Abfall der Bildungs—
welt vom Christentum doch in etwas auf die Zumutungen jener
Doktrin zurückführte. Diese Stellung reicht zurück bis in seine
theologischen Anfänge. In seinem Nachlaß findet sich ein kleiner
Essay: „Die Heilige Schrift und die heutige Theologie.“ Das
vergilbte Manuskript trägt kein Datum, scheint aber aus der
frühesten Amtszeit zu stammen. Der Eingang lautet: „Das
Dogma von der Inspiration hat für die Theologie unserer Tage
seine souveräne Macht verloren. Es glaubt niemand mehr, daß
der Heilige Geist die heiligen Schriftsteller als bloße Schreib—
federn gebraucht habe . .. Ebensowenig ist auch jene ungleich
wahrere und tiefere Ansicht zu halten, der Geist habe als inner—
liches Motiv und Prinzip, 'als der wiedergeborene menschliche
Geist, aber in größter Fülle und Kraft, die heiligen Schriftsteller
vor jedem Irrtum bewahrt.“ Stoecker führt dann die Wider—
sprüche in der Auferstehungsgeschichte, das mißverstandene Warten
der Jünger auf die Wiederkunft u. a. m. an. Das positive Er—
gebnis ist ihm aber doch das: „Die Wahrheit liegt in der Schrift
und es ist die ewige Aufgabe des Menschengeistes, immer tiefer
und breiter in diese Wahrheit hineinzudringen. Aber ein un—
fehlbares System gibt es ebensowenig wie eine unfehlbare Kirche.“
Es folgen feine, tiefsinnige Ausführungen über die Prophetie
— zu eingehend, um hier wiedergegeben zu werden.
Auch wenn man von naturwissenschaftlichen und profan—
geschichtlichen Gesichtspunkten ausgeht, stand Stoecker ganz frei
zur Bibel. Als der Verfasser dieses Buches gelegentlich über
den urkundlichen Wert der Bücher des Alten Testamentes sprach
und sich zu der Auffassung bekannte, daß es sich zum Teil um
widersprechende Fragmente, wie in den verschiedenen Versionen
der Schöpfungsgeschichte, handle, teils um sagenhafte Züge, wie
bei Jonas und Simson, doch aber zögerte, das Wort „Sage“ zu
gebrauchen, nahm Stoecker es ihm von der Lippe weg, und fügte
hinzu: „Gewiß! in jenen ältesten Zeiten war die Form der ge—
schichtlichen Uberlieferung die Sage.“ Und er war der Ansicht,
daß bei solcher Überlieferung ebensowohl der geschichtliche Tat—
bestand durch menschlichen Irrtum verschoben sein, wie auch
irrige Naturanschauungen vergangener Epochen im Bibeltext
ihren Ausdruck gefunden haben könnten. Aber aus den Unsicher—
heiten im einzelnen zog er nicht den Fehlschluß auf die Unglaub—