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II. Student und Kandidat

Full text: Adolf Stoecker / Oertzen, Dietrich von (Public Domain)

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ungern. Auch war er, der nie einem Fremden gehorcht hatte, 
in seinem Verhalten zu mir ein wenig schwierig. Bald nannte 
er mich Kunsingsch, d. h. auf lettisch Herrchen, bald verweigerte 
er mir jeden Gehorsam. Aber er war troß allem ein Knabe von 
tiefem Gefühl; und eines Tages trat das in rührender Weise 
ans Licht. Ich war im Religionsunterricht an die Darstellung 
des Leidens Jesu gekommen: der kleine Graf hörte mit der 
lebendigsten Aufmerksamkeit zu. Mit einem Male brach er in 
einen Tränenstrom aus, so hatte ihn die wunderbare Geschichte 
von Gethsemane und Golgatha ergriffen. Einen Versuch zu 
Trotz und Ungehorsam hat er nachher nie wieder gemacht. Mein 
Religionsunterricht verlief in der sonderbarsten Weise. Nach 
den russischen Gesetzen waren die Söhne des Grafen von seiner 
griechisch-katholischen Gemahlin gezwungen, den Glauben der 
Mutter anzunehmen. Ein Unterricht in einem fremden Be— 
kenntnis war auf das strengste verboten. Da aber beide Eltern 
auf das entschiedenste die Unterweisung im evangelischen Glauben 
wünschten, so blieb mir nichts anderes übrig, als den Knaben 
nach dem griechisch-katholischen Katechismus zu unterrichten. 
Was darin mit dem evangelischen Glauben übereinstimmte, 
führte ich gründlich aus, was demselben widersprach, ersetzte ich 
durch den Unterricht im Lutherischen Katechismus. So wurde 
ich mit dem Knaben allmählich innerlich befreundet, und wenn 
er es auch in den Wissenschaften nicht weit brachte, so wurde er 
doch ein liebenswürdiger Mensch. 
Im dritten Jahre meines Aufenthalts in dem Lambs— 
dorffschen Hause erweiterte sich mein Beruf ganz außerordentlich. 
Die beiden ältesten Söhne, welche das Mitausche Gymnasium 
besuchten, wurden aus Quarta nicht versetzt, obwohl sie schon 
ziemlich alt waren. Die erschütternde Nachricht wurde dem 
Vater eines Tages spät am Abend überbracht. Gegen Mitter— 
nacht kam er tiefbewegt auf meine Stube und erzählte mir das 
traurige Ereignis. Was nun? fragte er. O, sagte ich mit dem 
größten Gleichmut, lassen Sie die beiden Knaben nach Hause 
kommen, ich selbst werde sie unterrichten. Das geschah denn auch. 
Und so habe ich ein ganzes Jahr hindurch, mit Ausnahme der 
kurzen Ferien, jeden Tag neun Stunden Unterricht gegeben. Ich 
hatte dann allerdings die Freude, daß die Schüler nach einem 
Jahr zu Michaelis für die Sekunda reif befunden wurden. Die 
Freude der Eltern war unbeschreiblich, die der beiden Schüler 
durch die Erinnerung an die energische Arbeit gedämpft, zu der 
ich sie Tag für Tag gezwungen hatte. Übrigens war während 
dieses Jahres das Lehrpersonal ungemein verstärkt. Ein 
Franzose kam aus Paris, und im Verkehr mit ihm lernte ich gut
	        
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