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ungern. Auch war er, der nie einem Fremden gehorcht hatte,
in seinem Verhalten zu mir ein wenig schwierig. Bald nannte
er mich Kunsingsch, d. h. auf lettisch Herrchen, bald verweigerte
er mir jeden Gehorsam. Aber er war troß allem ein Knabe von
tiefem Gefühl; und eines Tages trat das in rührender Weise
ans Licht. Ich war im Religionsunterricht an die Darstellung
des Leidens Jesu gekommen: der kleine Graf hörte mit der
lebendigsten Aufmerksamkeit zu. Mit einem Male brach er in
einen Tränenstrom aus, so hatte ihn die wunderbare Geschichte
von Gethsemane und Golgatha ergriffen. Einen Versuch zu
Trotz und Ungehorsam hat er nachher nie wieder gemacht. Mein
Religionsunterricht verlief in der sonderbarsten Weise. Nach
den russischen Gesetzen waren die Söhne des Grafen von seiner
griechisch-katholischen Gemahlin gezwungen, den Glauben der
Mutter anzunehmen. Ein Unterricht in einem fremden Be—
kenntnis war auf das strengste verboten. Da aber beide Eltern
auf das entschiedenste die Unterweisung im evangelischen Glauben
wünschten, so blieb mir nichts anderes übrig, als den Knaben
nach dem griechisch-katholischen Katechismus zu unterrichten.
Was darin mit dem evangelischen Glauben übereinstimmte,
führte ich gründlich aus, was demselben widersprach, ersetzte ich
durch den Unterricht im Lutherischen Katechismus. So wurde
ich mit dem Knaben allmählich innerlich befreundet, und wenn
er es auch in den Wissenschaften nicht weit brachte, so wurde er
doch ein liebenswürdiger Mensch.
Im dritten Jahre meines Aufenthalts in dem Lambs—
dorffschen Hause erweiterte sich mein Beruf ganz außerordentlich.
Die beiden ältesten Söhne, welche das Mitausche Gymnasium
besuchten, wurden aus Quarta nicht versetzt, obwohl sie schon
ziemlich alt waren. Die erschütternde Nachricht wurde dem
Vater eines Tages spät am Abend überbracht. Gegen Mitter—
nacht kam er tiefbewegt auf meine Stube und erzählte mir das
traurige Ereignis. Was nun? fragte er. O, sagte ich mit dem
größten Gleichmut, lassen Sie die beiden Knaben nach Hause
kommen, ich selbst werde sie unterrichten. Das geschah denn auch.
Und so habe ich ein ganzes Jahr hindurch, mit Ausnahme der
kurzen Ferien, jeden Tag neun Stunden Unterricht gegeben. Ich
hatte dann allerdings die Freude, daß die Schüler nach einem
Jahr zu Michaelis für die Sekunda reif befunden wurden. Die
Freude der Eltern war unbeschreiblich, die der beiden Schüler
durch die Erinnerung an die energische Arbeit gedämpft, zu der
ich sie Tag für Tag gezwungen hatte. Übrigens war während
dieses Jahres das Lehrpersonal ungemein verstärkt. Ein
Franzose kam aus Paris, und im Verkehr mit ihm lernte ich gut