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XXII. Die Vorboten der Krisis

Full text: Adolf Stoecker / Oertzen, Dietrich von (Public Domain)

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Böckel hatte sich gegen Stoecker aufstellen lassen und mit seiner 
nichtigen, phrasenhaften Beredsamkeit doch so viel Stimmen ab— 
gesplittert, daß Stoecker erlag. Das „Westdeutsche Volksblatt“ 
bom 5. Juli 1893, ein antisemitisches Organ, berichtete zynisch: 
„Ein Wermutstropfen findet sich freilich auch in diesem Freuden— 
becher! Der Hofprediger a. D. Stoecker ist in seinem alten Wahlkreis 
Siegen unterlegen! Das ist tief zu beklagen, allein wir können Herrn 
Stoecker den Vorwurf nicht ersparen, daß er zum Teil selbst die Schuld 
seiner Niederlage trägt! Wie nämlich der „Siegerländer Volksfreund“ 
schreibt, haben auch die dortigen Deutsch-Sozialen in der Stichwahl gegen 
Stoecker gestimmt! Und zwar aus dem durchaus zu billigenden Grunde, 
weil sich Stoecker in einem ostpreußischen (7) Kreise als Gegenkandidat gegen 
einen deutsch-sozialen Kandidaten aufstellen ließ! Haust du meinen Bauern, 
so haue ich deinen Bauern, das wird die Parole in allen Wahlkämpfen 
sein; sie war es auch bei den Siegerländer Antisemiten!“ 
Der als „ostpreußisch“ bezeichnete Wahlkreis war der Kreis 
Neustettin. Hier kandidierte unter der Protektion von Rektor 
Ahlwardt der Berliner Professor Paul Förster. Ahlwardt, der 
alle Ursache hatte, Stoecker dankbar zu sein, da dieser ihn sogar 
in seinen ewigen Geldverlegenheiten mit recht erheblichen Be— 
trägen unterstuͤtzt hatte, begann gleichwohl eine ganze würdelose, 
aber bei den Ungebildeten äußerst wirksame Agitation. Am 
meisten Wirkung erzielte er mit dem überall vorgebrachten 
Exempel: „Wenn ein kleiner Mann für 5 Pfennig einen Schnaps 
trinkt, dann ist derselbe nur einen halben Pfennig wert, 
15 Pfennig sind Steuern, die darauf ruhen. Wenn ein Reicher 
eine Flasche Champagner trinkt für 10 Mark, dann ruht nur 
bMark Steuern darauf, also muß der Arme 80 Prozent 
mehr Steuern geben als der Reiche. Und so ist es mit allem.“ 
Gegen diese demagogische Verwüstung des Kreises wußten 
nun die besten Männer desselben keinen anderen Rat, als Stoecker 
selbst zu rufen. Stoecker weigerte sich zunächst auf Grund seiner 
persönlichen Beziehungen zu Professor Förster. Aber man be— 
stürmte ihn, die dringendsten Bitten gingen an ihn ab, besonders 
bei der Nachwahl, nachdem der konservative Kandidat Herr von 
Hertzberg-Lottin zurückgetreten war. So gab er nach. Es erschien 
ein Wahlaufruf mit den besten Namen des Kreises, Landrat 
von Bonin an der Spitze. Aber es war zu spät. Die Ahl— 
wardtsche Demagogie hatte ihre Dienste getan. Das Ende war 
der Mißerfolg. 
Stoecker hielt nun mehrere Volksversammlungen in Berlin 
ab, in denen er den sog. „Radauantisemiten“ in der schärfsten 
Weise entgegentrat, was natürlich zur Folge hatte, daß diese 
durch Lärmen und Toben und Störung der Versammlungen ihre 
Rache nahmen. „Ich habe es“ — sagie Stoecker — „mit Freude 
begrüßt, daß ich durch meine Aufstellung im Wahlkreise Neu— 
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