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XXI. Stoecker und Witte

Full text: Adolf Stoecker / Oertzen, Dietrich von (Public Domain)

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Und als Stoecker auch ihn einlud, sich privatim informieren 
zu lassen, lehnte er es grob ab. Stoecker erwiderte: 
„Meine Herren, wenn man Vorwürfe macht und nachher ablehnt, 
sich darüber zu vergewissern, ob sie wahr oder nicht, das ist eine Art 
der Verhandlung, die ich nicht begreife. Jedenfalls werde ich dann Recht 
and Sie, Herr v. Eynern, im Unrecht bleiben; das ist wohl kein 
weifel.“ 
Außer dieser Debatte kommt für die Sache Stoecker-Witte 
noch in Betracht, daß am 10. März 1896 der Gemeindekirchen— 
rat von St. Golgatha ein amtliches Schreiben an Stoecker richtete, 
in dem als einstimmig gefaßter Beschluß folgendes erklärt wird: 
„l. Zu der Suspension des Herrn Pfarrers Witte hat, abgesehen von 
seinem Auftreten gegen die vorgesetzte Behörde, vorwiegend sein Auftreten 
gegen die Mitglieder der kirchlichen Gemeindeorgane geführt. 
2. Auf diese Streitigkeiten mit den kirchlichen Gemeindeorganen 
hat Herr Hofprediger a. D. Stoecker niemals Einfluß gehabt, noch unseres 
Wissens solchen jemals gesucht.“ 
Das ist die Geschichte der viel besprochenen Stoecker— 
Witteschen Händel, auf wenigen Druckseiten erzählt. Aber nun 
halte man sich gegenwärtig, daß die mit dieser Sache verbundenen 
Erregungen sich durch 18 Jahre hingezogen haben; sie begannen 
1878, und erst 1896 gelang es Stoecker, die letzten Maschen 
des Lügennetzes zu zerreißen und der Wahrheit zum Siege zu 
verhelfen. 18 Jahre lang wurde Stoecker von Witte mit einem 
tödlichen, wie man hoffen muß, krankhaften Haß verfolgt. Und 
18 Jahre lang gelang es dem Lügensystem der liberalen Presse, 
die Meinung zu verbreiten, daß Witte von Stoecker verfolgt 
sei. Selbst Abgeordnete sammelten Geld für Witte, als für ein 
Opfer Stoeckerscher Verfolgungssucht, während Witte talsächlich 
vom Oberkirchenrat abgesetzt wurde aus Gründen, die wenig— 
stens insofern mit Stoecker in gar keinem Zusammenhang standen, 
als dieser keinen Finger gerührt hat, sie herbeizuführen. Stoecker 
konnte machen, was er wollte — angegriffen und verfolgt wurde 
er immer. Wenn er redete und sich verteidigte, war er der 
streitsüchtige Zänker, wenn er schwieg, hieß es sofort, daß er 
nichts mehr zu entgegnen wisse und aus Schuldbewußtsein 
schweige. Tatsächlich war, wie aus genauester Kenntnis ver— 
sichert werden kann, von einem Haß Stoeckers gegen Witte gar 
keine Rede. Stoecker war ein Mann des starken Temperaments, 
des gelegentlichen heftigen Zufahrens, aber viel zu wohlwollend, 
um sich einer nachtragenden Rachsucht hinzugeben. 
Gewiß hat er auch in dieser Sache seine Fehler gemacht. 
Der eine war der, daß er mehrmals flüchtige, schlecht redigierte 
Erklärungen öffentlich abgab, die statt zu klären im Gegenteil 
Zweifel und Unsicherheit bei den Freunden, boshaften Verdacht
	        
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