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einer Bruderanstalt ausbilden lassen wolle, um ihn geistig
— er war sehr ungebildet — und geistlich zu fördern. Aber
Grüneberg zog eine anfänglich zu Stoeckers Freude gegebene
Zusage später ohne anderen Grund zurück, als den, daß er nicht
wolle.
So kehrte er zum Schneiderhandwerk zurück und arbeitete
für Konfektionsgeschäfte. Der Verdienst war knapp, die Geldnot
wurde chronisch. Vom Frühjahr 1878 liegt eine Korrespondenz
zwischen dem Baron Moritz Ungern-Sternberg und Stoecker vor,
aus der hervorgeht, daß Grüneberg unterstützt wurde, weil er
am 1. Januar die Miete nicht hatte zahlen können.
Einige Jahre verhielt der Mann sich nun still. Als aber
im Jahre 1885 der Kampf der Juden gegen Stoecker scharfe
Formen annahm, und die Publikation von Briefen Stoeckers
bdegann, wurde es ihm klar, daß mit einigen Briefen Stoeckers,
die er besaß, ein Geschäft zu machen sei. Er verkaufte sie für
30 Mark an die demokratisch-jüdische „Volkszeitung“, die sie
oeröffentlichte. Aus den Briefen, insoweit sie echte Bruchteile
enthalten, geht nichts anderes hervor, als daß Grüneberg in
der kurzen Zeit seiner christlich-sozialen Laufbahn Stoecker viel
Not gemacht hat. Augenscheinlich sind aber schon mit diesen
ersten Briefen Veränderungen vorgenommen, Zusätze gemacht.
Dies bei Stellen, die Stoecker ihrem Inhalt nach gar nicht
geschrieben haben kann, anzunehmen, ist man berechtigt, da
Grüneberg kurze Zeit später eine förmliche Fabrik von eigenen
und Stoeckerschen Briefen anlegte, für die er bei den Juden und
bei Witte blankes Gold und Silber einstrich. Zum Beispiel ver—
kaufte Grüneberg an Witte den folgenden (von Witte veröffent—
lichten) Brief, den er an Stoecker geschrieben haben wollte:
„Berlin, den 3. Februar 1889.
Herrn Hofprediger Stoecker!
Diene hiermit ergebenst zur Kenntnis, da eine Einigung
unsererseits doch nicht zustande kommt, so halte ich alle
Korrespondenz für überflüssig und erkläre hiermit, daß ich weder
persönlich, noch schriftlich mit Ihnen nichts mehr zu tun haben
pwill. E. Grüneberg.“
Dieser Brief ist vom ersten bis zum letzten Wort freie Er—
findung. Das beweist das Datum, hinsichtlich dessen der Fälscher
allzu sorglos verfahren war. In Wahrheit hatte er am
3. Februar 1889 an Stoecker einen noch im Original vorhandenen
Brief geschrieben, der mit den Worten beginnt: „Vorerst meinen
Dank für Ihr freundliches Entgegenkommen,“ und schließt mit