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Besuchen, den Versammlungen, der Predigtverteilung, habe man
fortfahren können. Aber noch eine vierte Art sei nun hinzu—
gekommen: die gesungene. „Wir haben gewagt, die alte
Kurrende wieder lebensfähig zu machen. Acht Knabenchöre
ziehen umher und singen besonders in den Vorstadtgemeinden,
in den Höfen der großen Häuser ihre Choräle und geistlichen
Lieder. Auch das ist ein Stück Mission.“
Es war Stoecers alter Gegner, der Synodale Freiherr
v. d. Goltz, der beim Präsidium den Antrag einreichte, eine
Kollekte für die Stadtmission von zwei zu zwei Jahren zu be—
willigen — eine Fürsorge, die wohl wesentlich von der Sorge
diktiert war, man könnte sonst Stoecker gar — was Super—-
intendent Holtzheuer beantragte — die jährliche Kollekte be—
willigen. Übrigens wurde der Antrag v. d. Goltz einstimmig an—
genommen.
Am 24. November kam der am 12. November in die Ver—
fassungskommission verwiesene Antrag Stoecker vor das Plenum.
Stoecker erstattete den Kommissionsbericht, in dem er zunächst
die Argumente für die Unabhängigkeit der Kirche vortrug. Man
könne die Kulturkampfpolitik kurz dahin zusammenfassen: Rom
hat gefehlt, die evangelische Kirche wird dafür bestraft; die
evangelische Kirche ist unschuldig, folglich wird Rom frei—
gesprochen. Die evangelische Kirche hätte dagegen Protest er—
heben müssen. Das Kirchenregiment sei zu irgendeiner Kritik
staatlicher Maßnahmen jeßt freilich nicht imstande. Aber die
Generalsynode wäre, wenn sie nicht immer nachhinkte, der Ort
gewesen, solche Beschwerden zu formulieren. Es sei ein Mangel
an Abwehr vorhanden, aber auch ein Mangel an Initiative,
nicht nur auf kirchenpolitischem, sondern auch auf sozialem Ge—
biei. Dann kamen die Gegengründe, der Hinweis auf den doch
vorhandenen Generalsynodalrat, die zu kurze Geltungszeit der
Verfassung, um jetzt schon Anderungen vorzunehmen u. a. m.
Der letzte Beschluß der Kommission sei ein vom Präsidenten Bark—
hausen befürwortetes Kompromiß gewesen. Der Präsident hatte
zu Protokoll erklärt, daß in zwei Jahren eine außerordentliche
Generalsynode zur Verabschiedung der Agende und Stolgebühren—
sache berufen werden solle und daraufhin hatte die Konimission
„zurzeit“ von ihrem Antrag Abstand genommen. Barkhausen
hatte Zeit gewonnen und wenigstens für den Augenblick den
Fortschritt auf dem Wege kirchlicher Selbständigkeit verhindert.
Das schöne Kompromiß, das allen Anforderungen der „Oppor—⸗
tunität“ entsprach, wurde dann mit großer Mehrheit an—
genommen.
Am 25. November war Stoecker Referent für den Antrag