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Hauses machten von diesem zwiefachen Geist keine Ausnahme, sie
pflegten die Kunst und das Christentum zugleich. Beethoven und
Bach waren die musikalischen Lieblinge; besonders die eine
Tochter sprühte von Liebenswürdigkeit und Empfänglichkeit für
alles Edle, Schöne und Göttliche.
Man wird es mir nachfühlen, wie dankbar ich dafür war,
daß sich in diesen beiden Häusern die engen Schranken meines
eigenen Familienlebens erweiterten und die Eindrücke ganz
anderer Gesellschaftsformen auf mich einwirkten. Das Krüger—
sche Haus pflegte eine starke, christliche Geselligkeit. Als nach
langer geistlicher Dürre endlich glaubensvolle Pastoren an den
Dom und die reformierte Kirche kamen, waren diese Männer
gerngesehene Gäste. Major, Krummacher, Neubauer von der
reformierten Liebfrauenkirche, Lange, Rechenberg, Heim vom
Dom waren alle, jeder in seiner Weise, tüchtige, gesegnete
Prediger. In ihrer Gesellschaft, die sich bei Krügers im schönen
Hause am Domplatz oft zusammenfand, lernte ich ein Christen—
tum kennen von weitem Horizonte und verbunden mit wahrer
Bildung.
Meine Knabenzeit erfuhr von dem christlichen Wehen und
Wirken nichts, erst später empfing ich einen Vorgeschmack dessen,
was Kirche und Christentum für Familie und Gemeinwesen be—
deute. Obwohl mein Vaterhaus von aufrichtigem, kirchlichem
Geiste beseelt war und uns Kinder an Gebet und Gottesdienst
gewöhnte, so fehlte mir doch bis in die letzten Jahre meiner
Schulzeit das eigentlich Erweckliche, Lebendige und Entschiedene
eines starken Christentums. Die beiden Prediger an dem herr—
lichen Dom, denen die Seelsorge an der Militäͤrgemeinde über—
geben war, bei deren einem auch ich meinen Konfirmandenunter—
richt nehmen mußte, waren Rationalisten von einer Art, wie man
sie heute sich nicht mehr denken kann. Der selige Wallmann, der
nachmals so hervorragende und anerkannte Missionsinspektor in
Berlin und Barmen, kam damals zuweilen aus Quedlinburg,
wo er Hilfsprediger war und an der Pflege einer kleinen Ge—
meinde von Erweckten teilnahm, zu uns nach Halberstadt, um
Missionsstunden zu halten. Eine in der Domgemeinde völlig
ungewohnte Art der Erbauung. Nicht eigentlich aus Liebe zur
Mission, sondern um von fernen Ländern und Völkern, Sitten
und Religionen zu hören, ging ich als Knabe dorthin. Es ist mir
noch lebhaft in Erinnerung, daß ich hier den ersten geistlichen
Eindruck meines Lebens empfing. Wallmann erzählte von zwei
Missionaren, die in der Heidenwelt ermordet wurden und dabei
ihren Gott und Heiland mit lautem Munde lobten. Ich war
erst ein zwölfjähriger Knabe, aber ich hatte bei dieser Erzählung
Adolf Stoecker. 9