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XIX. Der evangelisch-soziale Kongreß

Full text: Adolf Stoecker / Oertzen, Dietrich von (Public Domain)

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es sich um den „breiten Graben“ zwischen positiver und kritischer 
„Richtung“. Die positive Richtung glaubt im wesentlichen an 
die Heilstatsachen, wie sie das apostolische Glaubensbekenntnis 
bezeugt, hält im Hinblick auf die großen Mysterien, die den 
Ursprung der Kirche umgeben, an dem fest, was die Apostel, 
die Märtyrer, die Kirchenväter, die Reformatoren, die Träger 
der Inneren und Außeren Mission bekannt haben, und was 
zu allen Zeiten die Kraftquelle ihres Wirkens war. Die kritische 
Richtung dagegen ist unitarisch, ihre Frömmigkeit ruht auf all— 
gemeinem Gottesglauben. Alle Berichte über wunderbare und 
geheimnisvolle Berührungen der jenseitigen und der diesseitigen 
Welt in der Persönlichkeit Christi sucht man kritisch als Legenden 
zu beseitigen; das spezifisch Christliche scheidet aus dem Christen— 
tum aus. Der Gegensatz dieser beiden Richtungen ist also so 
groß, wie er sein kann; eine schließt die andere schlechthin aus. 
Trotzdem hielt Stoecker ein Bündnis ad hoc für möglich, 
weil es sich nicht um eine Gemeinschaft in sacris handelte, sondern 
um ein Gebiet, auf dem die beiden „Richtungen“ sich berühren: 
das ethische. Die Ethik der Bergpredigt Christi ist den Positiven 
und den Kritischen gemeinsam. Und aus der gemeinsamen Ethik 
ging ein soziales Wohlwollen hervor, das in den sozialpolitischen 
Kämpfen auf die Seite der Armen und wirtschaftlich Schwachen 
trat. So ward es möglich, daß Stoecker und Harnack, die auf 
rein kirchlichem Gebiet nicht zwei Schritte gemeinsam taten, sich 
doch in das Präsidium eines sozialpolitischen Kongresses teilen 
und immerhin jahrelang, in fünf oder sechs gut verlaufenen 
Tagungen friedlich miteinander auskommen konnten. Brach dann 
schließlich die Sache dennoch zusammen, so vollzog sich der 
Bruch nicht über „evangelisch-sozialen“ Differenzen, die eine 
prinzipielle Unmöglichkeit des Bundes erwiesen hätten, sondern 
er scheiterte an der nun einmal mit allem „Liberalismus“ un— 
trennbar verbundenen Intoleranz und an der Tendenz, den 
Kongreß für Bestrebungen auszunutzen, für die er gar nicht 
geschaffen war. 
Freilich bewies der Gang der Dinge ja auch, daß unter 
Menschen, die nun einmal unteilbare Wesen sind, Gegnerschaft 
auf dem einen Gebiet und Bundesgenossenschaft auf dem 
anderen nicht wohl nebeneinander bestehen können. Denn der 
Idealismus und die Leidenschaftslosigkeit, die auch in der 
Praxis die Theorie noch festzuhalten vermöchten, sind immer 
nur bei einzelnen zu finden, aber niemals bei ganzen Gruppen. 
wie sie für das öffentliche Leben in Betracht kommen. 
Wenn man der Gründung des Evangelisch-sozialen Kon— 
gressfes gedenkt, so ist zunächst neben Stoecker der Name eines
	        
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