— 304 —
es sich um den „breiten Graben“ zwischen positiver und kritischer
„Richtung“. Die positive Richtung glaubt im wesentlichen an
die Heilstatsachen, wie sie das apostolische Glaubensbekenntnis
bezeugt, hält im Hinblick auf die großen Mysterien, die den
Ursprung der Kirche umgeben, an dem fest, was die Apostel,
die Märtyrer, die Kirchenväter, die Reformatoren, die Träger
der Inneren und Außeren Mission bekannt haben, und was
zu allen Zeiten die Kraftquelle ihres Wirkens war. Die kritische
Richtung dagegen ist unitarisch, ihre Frömmigkeit ruht auf all—
gemeinem Gottesglauben. Alle Berichte über wunderbare und
geheimnisvolle Berührungen der jenseitigen und der diesseitigen
Welt in der Persönlichkeit Christi sucht man kritisch als Legenden
zu beseitigen; das spezifisch Christliche scheidet aus dem Christen—
tum aus. Der Gegensatz dieser beiden Richtungen ist also so
groß, wie er sein kann; eine schließt die andere schlechthin aus.
Trotzdem hielt Stoecker ein Bündnis ad hoc für möglich,
weil es sich nicht um eine Gemeinschaft in sacris handelte, sondern
um ein Gebiet, auf dem die beiden „Richtungen“ sich berühren:
das ethische. Die Ethik der Bergpredigt Christi ist den Positiven
und den Kritischen gemeinsam. Und aus der gemeinsamen Ethik
ging ein soziales Wohlwollen hervor, das in den sozialpolitischen
Kämpfen auf die Seite der Armen und wirtschaftlich Schwachen
trat. So ward es möglich, daß Stoecker und Harnack, die auf
rein kirchlichem Gebiet nicht zwei Schritte gemeinsam taten, sich
doch in das Präsidium eines sozialpolitischen Kongresses teilen
und immerhin jahrelang, in fünf oder sechs gut verlaufenen
Tagungen friedlich miteinander auskommen konnten. Brach dann
schließlich die Sache dennoch zusammen, so vollzog sich der
Bruch nicht über „evangelisch-sozialen“ Differenzen, die eine
prinzipielle Unmöglichkeit des Bundes erwiesen hätten, sondern
er scheiterte an der nun einmal mit allem „Liberalismus“ un—
trennbar verbundenen Intoleranz und an der Tendenz, den
Kongreß für Bestrebungen auszunutzen, für die er gar nicht
geschaffen war.
Freilich bewies der Gang der Dinge ja auch, daß unter
Menschen, die nun einmal unteilbare Wesen sind, Gegnerschaft
auf dem einen Gebiet und Bundesgenossenschaft auf dem
anderen nicht wohl nebeneinander bestehen können. Denn der
Idealismus und die Leidenschaftslosigkeit, die auch in der
Praxis die Theorie noch festzuhalten vermöchten, sind immer
nur bei einzelnen zu finden, aber niemals bei ganzen Gruppen.
wie sie für das öffentliche Leben in Betracht kommen.
Wenn man der Gründung des Evangelisch-sozialen Kon—
gressfes gedenkt, so ist zunächst neben Stoecker der Name eines