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XVIII. Hofprediger oder Politiker

Full text: Adolf Stoecker / Oertzen, Dietrich von (Public Domain)

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früher mit bemerkenswerter Unabhängigkeit sich auch zu seiner 
politischen Tätigkeit bekannte. Graf und Gräfin Waldersee luden 
Stoecker am 1. Januar zu Tisch. Graf Heinrich Lehndorff, der 
Generaladjutant des Kaisers Wilhelm J. sandte eine Gabe für 
Arme und Frierende. Der Konmmandant von Berlin gab seiner 
„hohen Verehrung“ Ausdruck. Der Bruder des gestürzten 
Kanzlers, Landraf a. D. von Bismarck, schrieb auf seine Karte: 
Ev. Joh. 20, V. 21. Selbst der Kammerherr v. Mirbach schrieb 
damals noch an den „teuren, verehrten Freund“ und glaubte 
den Hof gegen die Ansichten der „Kreuzzeitung“ verteidigen 
zu können. 
Geistliche und Gelehrte fehlten nicht unter den Freunden. 
Der kranke Rudolf Kögel schrieb aus München (noch im 
November) ein kurzes Blatt: 
„Nur Dir die Hand drücken, teurer Bruder, und Dir Gottes Frieden 
wünschen in all dem Schweren, was die letzten Wochen Dir gebracht haben! 
Zu einem Brief bin ich zu bewegt, seit die Nachrichten der Zeitungen 
durch Hedwigs Brief bestätigt worden sind. 
Der arme, aufgelöste Dom! Und die ungewisse Zukunft meiner 
Amtsbrüder! Gott tröste, bewahre, leite Euch. 
Deiner lieben Frau innigen Gruß! 
Dein Rudolf Kögel.“ 
Aus Greifswald grüßten die Professoren Cremer und 
Zöckler. Cremer schrieb: 
.... „Den Trost darfst Du haben: Nicht die unvorsichtigen Tritte, 
die Du etwa getan, sondern die Sache, für die Du eingetreten, die ist's, 
die dies herbeigeführt, zum Zeichen und Zeugnis, daß auch die Annahme 
nichts als Illusion ist, daß nur die Dogmatik, nicht die Ethik uns schiede 
von dem Liberalismus. Wir haben es auf der pommerschen Provinzial⸗ 
synode klargestellt: nicht einmal zu einem sittlichen Urteil sich auszuraffen, 
hat der Liberalismus den Mut. Er hat nur einen Gott, und der heißt: 
GBeld und Macht.“ 
Aus Halle grüßte Professor Martin Kähler: 
„Der Herr, Dein Gott, wandelte Dir den Fluch in Segen, darum 
daß Dich der Herr, Dein Gott, lieb hatte.“ 6. 11. 
„Siehe, ich habe Dir Wehrelen daß Du getrost und freudig seiest.“ 5. 11. 
„Wir ziehen nicht Lose und glauben nicht an Inspiration von 
Losungen: aber wir dürfen es doch dankbar hinnehmen, wenn die Gottes⸗ 
worte, auf die uns unsere tägliche Andacht fuͤhrt, uns so freundlich daran 
mahnen: Ihr seid besser denn viele Sperlinge.“ 
Aus Stuttgart schrieb Hofprediger Braun, er könne nicht 
sagen, wie sehr „wir hier in Stuttgart bewegt sind durch das, 
was Sie und uns mit Ihnen in den letzten Tagen getroffen 
hat, bewegt, betrübt, verwirrt. Unsere Freundschaft streckt sich 
Ihnen mit doppelter Wärme entgegen. .. .. Möchte doch die 
Monarchie die Würde, die Sie ihr zusprachen, als „Sozial— 
monarchie“ recht tief erfassen und kräftig üben.“
	        
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