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XVIII. Hofprediger oder Politiker

Full text: Adolf Stoecker / Oertzen, Dietrich von (Public Domain)

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mehr wird zu erröten brauchen in dem beschämenden Gefühle des Makels, 
dessen Nameé Stoecker war.“ 
In Deutschland gab die konservative Presse ihrer Trauer 
über Stoeckers Entlassung einen warmen und lebhaften Aus— 
druck. Die „Kreuzzeitung“ meinte, es bleibe nur die Annahme 
übrig, daß man andere Potenzen und Kräfte für stärker und 
für geeigneter zur Bekämpfung der Sozialdemokratie halte, als 
die christlich-sozial-konservativen, mit denen Stoecker die Massen 
bisher gewonnen habe, mit einem Worte die Annahme, daß ein 
grundsätzlich politischer Systemwechsel bevorstehe. „Wir unserer— 
seits,“ so fährt das Blatt fort, „wollen deshalb auch nicht eine 
Stunde mit der Erklärung zurückhalten, daß, wie wir bisher 
Schulter an Schulter mit Stoecker gekämpft haben für die Be— 
freiung der evangelischen Kirche von der Beherrschung durch 
den Staat und für die Befreiung des Staates von der Be— 
herrschung durch Judentum und Kapitalismus, als die unerläß— 
lichen Vorbedingungen einer ersprießlichen Sozialreform, so wir 
auch ferner in diesem Kampfe ihm zur Seite stehen werden.“ 
Der „Reichsbote“ hebt hervor, wie auch die liberale Presse 
es als selbstverständlich ansehe, daß ein Mann, wie Stoecker, 
in der Vollkraft des Mannesalters, sich nicht der müßigen Be— 
schaulichkeit widmen, sondern daß er seine öffentliche, kirchliche, 
politische und soziale Tätigkeit, wie er sie bisher geübt habe, 
mit desto größerer Kraft ausüben werde. Sie hofften zwar, daß 
die Entlassung und das Fehlen des Amtsnimbus ihm das nötige 
Vertrauen und Ansehen entziehen werden. Allein das bleibe ab— 
zuwarten. Stoecker sei frohen, getrosten Mutes. 
Die liberale Presse war natürlich hocherfreut. Aber durch 
die Stimmen der Freude klingt doch ein leiser Ton der Sorge 
durch, daß Stoecker, aller Hofrücksichten ledig, immer noch recht 
gefährlich werden könne. 
Am 23. Dezember 1889 schrieb Stoecker an den Pfarrer 
Hoffmann-Genf den folgenden Brief: 
„Mit meinem Kommen zu Ihnen sieht's schwach aus. 
Wenn nicht etwa die Reichstagswahlen schlecht ausfallen — was 
hier im Grunde jeder Strammkonservative als die einzige 
Rettung ansieht — und dadurch ein Umschwung eintritt, so wird 
sich unsere innere Politik in der bisherigen völligen Unfähigkeit 
und Ratlosigkeit weiter hinschleppen. Solange ist aber an eine 
Freigebung unserer Bestrebungen nicht zu denken. Hier steht 
jetzt alles unter mittelparteilichem Zeichen. Miquel, der „ge— 
rissene“ Nationalliberale, ist sinnloserweise der Mann der 
Situation. Dabei pocht der Sozialdemokrat an alle Türen, und 
mit der Parole „nur national“ soll er beschworen werden!
	        
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