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entlassene Gefangene machte den Anfang; der spätere Gedanke
eines Festes au Beschaffung von größeren Mitteln wurde durch
aufsteigende Kriegswolken, der Plan eines Protektorats über die
Stadtmission durch die schmerzlichen Ereignisse im Königshause
verhindert. So entstand der andere Plan, angesehene Männer
zu berufen, ihnen die geistliche und sittliche Not der Residenz
an das Herz und eine helfende Tätigkeit auf das Gewissen zu
legen. Alle diese Dinge waren frei und selbständig aus den
freundlichen Entschlüssen des Prinzen Wilhelm und seiner er—
lauchten Gemahlin hervorgegangen. Nie hat die Stadtmission
von sich aus einen Schritt getan, um sich an die Güte des prinz—
lichen Paares heranzudrängen. Alle Anregungen und Auf—
forderungen ohne Ausnahme gingen vom Hofe aus. Mit der
Waldersee-Versammlung war es nicht anders. Zuerst war nur
an einen Vorstand aus einigen hervorragenden Persoͤnlichkeiten
gedacht. Graf Waldersee, die Minister von Puttkamer und von
Boßler, Graf Hochberg, zuletzt noch Graf Stolberg-Wernigerode:
das waren die Männer, welche dem Prinzen zur Seite stehen
sollten. Jeder Kundige weiß, daß diese Namen gerade in ihrer
Zusammensetzung ein irgendwie politisches Zusammenwirken aus—
schlossen; von ihnen gar ein hochkonservatives, hochkirchliches
reaktionäres Kamarillatreiben zu fürchten, wäre eine völlige
Torheit gewesen. — Später erweiterte sich der Gedanke zu dem
Plan einer ersten zahlreicheren Versammlung. Ich darf ver—⸗—
sichern, daß ich es war, der in aller Bescheidenheit den Rat gab,
man möge in dem größeren Kreise, der aus dem ganzen Lande
zusammenberufen war, nicht bloß die Berliner Stadtmission,
sondern auch die Not der Provinzen bedenken. Ich war es auch,
der nach einer Besprechung mit einem der angesehensten konser—
vativen Reichsstagsabgeordneten die Bitte aussprach, es möchten
Männer nicht nur der politischen und kirchlichen Rechten, sondern
auch anderer Richtungen eingeladen werden. Dies geschah sofort.
Angesehene Persönlichkeiten der Mittelparteien sagten ihr Er—
scheinen zu. Und so konnte ich mit dem reinsten Gewissen den
Verhandlungen der Versammlung entgegensehen, konnte für die
Stadtmission, welche dem fürstlichen Vertrauen die tiefste Dank—
barkeit entgegenbrachte, Förderung und Segen erwarten.
Der Verlauf der Versammlung ist bekannt. Das Be—
deutendste war die Rede des Prinzen Wilhelm. Er sprach es
rückhaltlos aus, daß es sich für ihn um christliche Bestrebungen
handle, welche jedem einseitig kirchlichen Standpunkte fernlägen.
Es gelte, der geistlichen Verwahrlosung der hauptstädtischen
Massen zu steuern, den Gewalten der Zerstörung mit vereinten
Kräften entgegenzuarbeiten; nur durch christlich-sozialen Geist