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XVI. Die Jahre 1886 und 1887

Full text: Adolf Stoecker / Oertzen, Dietrich von (Public Domain)

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Macht sich bei der außerordentlichen Ungunst der Verhältnisse 
gegenwärtig auch nicht voll entfalten kann.“ 
So waren die mittelparteilichen Treibereien der Offiziösen 
das eine Hindernis, das sich einer weiteren Entfaltung der 
Berliner Bewegung entgegenstellte. Das zweite waren die 
leidigen persönlichen Reibereien ehrgeiziger —* auch solcher, 
die nicht offiziös gewonnen waren. Seit die Bewegung groß 
geworden, hatten sich Elemente eingedrängt, die neben dem 
Interesse für die Sache auch viel Eitelkeit mit in die politische 
Arbeit brachten, und diese Streber machten mit ihrem per— 
sönlichen Gezänk Stoecker das Leben schwer. Drittens aber rang 
sich jetzt unter den Antisemiten eine Richtung durch, die direkt 
und persönlich gegen Stoecker vorging, weil er nicht radikal genug 
war. Diese Opposition wird bezeichnet durch die Namen Henrici 
und Böckel. Dr. Henrici war wenigstens ein witziger Kopf, der 
auch anfangs in freundlichen Beziehungen zu Stoecker stand, 
dann aber allmählich sich in einen unfruchtbaren Radikalismus 
wider die Konservativen hineinredete. Böckel dagegen war 
damals ein ganz unreifer, seichter Schwadroneur, der nur mit 
der oberflächlichsten Phrase arbeitete, allerdings aber diese Waffe 
mit gefährlicher Geschicklichkeit in der Volksversammlung hand— 
habte. So konnte es diesen und anderen Quertreibereien, 
mochten auch die verständigen Elemente zu Stoecker halten, doch 
gelingen, junge, unreife, schwankende Elemente, speziell auch 
solche, die vom Christentum nichts wissen wollten, von ihm ab— 
zuziehen und die Gesamtbewegung zum Schaden ihrer Stoß— 
kraft zu zersplittern. 
Die erheblichste Gefahr drohte aber von den Offiziösen. 
Noch stärker als bei der Ersatzwahl 1886 machte sich die mittel— 
parteiliche Politik Bismarcks bei den sog. Septennatswahlen 
1887 geltend. Bismarck verlangte ein Kartell, in welchem sich 
Konservative und Nationalliberale nahezu verschmelzen sollten. 
Die Annahme der Militärvorlage, deren Ablehnung zur Auf— 
lösung des Reichstages geführt hatte, bildete die Wahlparole. 
Aber auch weiterhin follte das Kartell die gefügige Mehrheit des 
Kanzlers werden und bleiben. 
Diese Politik fand schon bei den Konservativen im all— 
gemeinen wenig Beifall, speziell die Presse, „Kreuzzeitung“ und 
„Reichsbote“, gingen gar nicht oder doch nur widerwillig mit. 
Verhängnisvoll wurde sie der „Berliner Bewegung“. Hier 
wurde von den offiziösen Elementen geradezu Sturm gelaufen 
auf Stoecker und, Wagner, daß sie ini Interesse des Friedens, 
aus „nationalen“ Gründen nicht selbst in den Vordergrund 
treten, sondern farbloseren Perfönlichkeiten das Feld räumen
	        
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