Path:
XV. Der Prozeß Bäcker

Full text: Adolf Stoecker / Oertzen, Dietrich von (Public Domain)

221 
und Urkundenfälscher entlarvt worden. Schon jetzt hatte er zwei 
Briefe Stoeckers an eine jüdische Zeitung verkauft. Drittens 
handelt sich's um einen Quark, ob Hödel und Nobiling Mitglieder 
der christlich-sozialen Partei waren. Viertens hatte der Ange— 
klagte behauptet, Stoecker habe milde Gaben ihrem Zweck ent— 
fremdet. Der Gerichtshof nimmt an, daß dies nicht erwiesen 
sei, und bezeichnet hier selber Grüneberg als verdächtigen Zeugen, 
nachdem er freilich eben auf das Zeugnis dieses Verdächtigen hin 
Stoecker einen Makel angehängt hat. Unerhört ist die Bemerkung 
des leitenden Richters zu dem nächsten Punkt, dem angeblichen 
„Meineid“ Stoeckers. Dieser Punkt scheide, erklärt Herr Lüty, 
für die Prüfung aus, da der beleidigende Artikel 1884 geschrieben, 
der Eid aber erst 1885 geleistet sei. Trotzdem wird viel über die 
Sache geredet, und schließlich bezeichnet Herr Lüty den Eid 
Stoeckers als einen „unvorsichtigen“. Dann folgen Lappalien, 
z. B. die Frage, ob Horwitz und Brandes Juden seien. Ernster 
ist wieder die Sache der Antisemitenpetition. Hier erklärt das 
Gericht kurz und bündig, Stoecker habe sich bei Verneinung der 
Frage nach seiner Unterschrift „mit der festgestellten unzweifel— 
haften Tatsache im Widerspruch“ befunden. Höchst merkwürdig 
ist weiter die Bemerkung des Richters zu einer anderen Sache, 
der sogenannten Gründerliste, einer verwickelten Sache, die in 
wenigen Worten nicht darzustellen ist. Hier konstruiert der 
Richter: „Der Vorgang wird wohl ()) so sein: Der Zeuge 
(Stoecker) hat in der Heftigkeit seines Wesens einen Irrtum be— 
gangen; er erkannte seinen Irrtum, bereute ihn vielleicht auch 
und scheute sich, dieser seiner Reue die nötige Aufklärung folgen 
zu lassen. Wenn der Zeuge Stoecker also verfahren ist, wie er es 
beliebte, so befand er sich wiederum mit der Sachlage — man 
muß zum mindesten sagen — teilweise in Widerspruch.“ Dann 
folgt Beyschlag. Auch dem gegenüber soll sich Stoecker „halb 
und halb mit den ermittelten Tatsachen in Widerspruch“ be— 
funden haben. Dasselbe soll hinsichtlich der Thüringer Konferenz 
in Eisenach der Fall sein. Endlich soll Stoecker mit einer ge— 
sammelten Summe von 2000 Mark „inkorrekt“ verfahren sein. 
Zum Schluß wird gesagt, das Gericht könne es dem An— 
geklagten „nicht verargen“, wenn er angenommen habe, daß 
Stoecker sich „bewußt mit der Wahrheit in Konflikt setzte“. Dann 
heißt es wörklich: 
.„Direkt mildernd ist ferner der Gesichtspunkt, daß der Angellagte 
der jüdischen wWonfession angehört. Derjenige müßte seinen Glauben und 
den seiner Väler nicht lieb haben, der nicht schließlich tief gereizt und 
mnerlich empört würde, wenn er Augriffe fieht und wiederum sieht auf 
seinen Glauben und die Gleichberechtigung seines Glaubens, zumal wenn 
diese Angriffe von einem Geistlichen mnmen“
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.