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XII. 1882/83

Full text: Adolf Stoecker / Oertzen, Dietrich von (Public Domain)

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beizuführen. Die christlich-soziale Partei ist wohl ein stattlicher 
und fester Kern überzeugter Leute, um die Fahne eines treff— 
lichen Programms geschart. Aber um dieselbe her sind Frei— 
schärler und Freibeuter aller Art in den losen Parteigruppen, 
die ohne erkennbare Grenzen, ohne positives Programm, sich mit 
den negativenBezeichnungen „antifortschrittlich“ oder noch lieber 
„antisemitisch“ durch das politische Leben winden zu können 
glauben.“ 
Wenn die Absicht Stoeckers nicht so intensiv verwirklicht 
werden konnte, als gut gewesen wäre, so lag das besonders an 
den stets erneuten Erregungen, welche die Judenfrage mit sich 
brachte. 
Schon am 25. Februar war Stoecker gezwungen, seine 
ganze Aktion gegen Eugen Richter im Landtag zu verteidigen. 
Er begann: 
„Herr Richter hat mir von neuem den Handschuh hingeworfen. So 
nehme ich ihn von neuem auf. Herr Richter hat sich beklagt, daß, während 
man in Berlin den sozialdemokratischen Ausschreitungen so scharf entgegen— 
trete, Bewegungen anderer Art, unter denen er offenbar die christlich— 
soziale, eingeschlossen die antijüdische Bewegung, verstand, geduldet würden. 
Es gehört eigentlich nicht viel Verständnis für die Dinge des öffent— 
lichen Lebens dazu, um zu begreifen, daß gerade, weil die Regierung in 
der Lage ist, die Sozialdemokratie zu bekämpfen, sie sich freuen muß, wenn 
eine Bewegung, welche von innen heraus die Sozialdemokratie zu über— 
winden trachtet, begonnen hat. In dem Teil der ae dem ich vor—⸗ 
stehe, ist absolunt kein Grund vorhanden, von Regierungs wegen einzu— 
schreiten. Herr Richter hat, wie schon so manchmal, die Worte „Juden— 
hetze“, „Heßredner“ angewandt. 
Meine Herren, ich habe es nie begriffen, wie Herr Richter irgend— 
einem andern Menschen den Vorwurf machen kann, daß er hetze (Sehr 
wahr! rechts), denn mit Ausnahme der Juden hetzt er so ziemlich gegen 
alles (Sehr wahr! rechts); ganz besonders gegen das, was zu den 
Fundamenten unserer deutsch-christlichen Kultur gehört. Er, der beständig 
mit solchen Worten wie „Junker“ und „Pfaffen“ um sich wirft, dem es 
nicht gelungen ist, neulich die böse Bedeutung dieser Worte abzuschwächen, 
hat wirklich keinen Grund, wenn andere Männer in das Berliner Leben 
sich hineinstellen, um der gefährlichen Ubermacht des modernen Judentums, 
das mit dem Fortschritt, zum Teil auch mit der Sozialdemokratie und 
anderen verderblichen Richtungen unseres Volkslebens verquickt ist, ent— 
gegenzutreten. Wenn seine Hetzreden gegen die Junker und Pfaffen nicht 
zünden, so liegt das nur daran, daß auf dem Gebiet, wo er die Feinde des 
deutschen Volkes suchen will, kein Zündstoff vorhanden ist; Funken wirft 
er genng, es ist nur kein Pulver da und Herr Richter wird es auch nicht 
erfiuden.“ (Heiterkeit rechts.) 
Stoecker ging dann noch einmal mit großer Gründlichkeit 
und Sachlichkeit auf die Berliner Schulstatistik ein, die in den 
höheren Schulen eine für alles Deutschtum lebensgefährliche 
UÜberflutung mit jüdischen Schülern aufzeigte; weiter auf den 
unsinnigen“ Vorwuͤrf, daß nicht nur die Neustettiner, sondern
	        
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