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I. Kindheit und Jugend

Full text: Adolf Stoecker / Oertzen, Dietrich von (Public Domain)

lichkeit nicht, die Schuld an dieser Sache uns Kindern, mir be— 
sonders, aufzubürden. Selbst der Direktor der Anstalt, ein Mann 
aus jüdischem Blut, beteiligte sich an dieser schmachvollen Rederei, 
obwoͤhl er doch wußte, daß die Schuld allein bei ihm war. Als 
ich dann die kranke Mutter aufgefunden hatte, brachte ich sie in 
der ersten Abteilung des heimatlichen Krankenhauses unter. 
Auch da wieder schrieben schlechte Blätter, ich ließe meine Mutter 
in uͤnwürdigen Verhältnissen verkommen und hungern. Ich 
mußte eine Anklage wegen Beleidigung stellen, um die Sache 
zur vollen Klarheit zu bringen. Als dann der verklagte Redakteur 
erkannte, daß er schwer verurteilt werden würde, nahm er die 
Verleumdung öffentlich zurück, und ich stellte die Klage ein. Das 
hinderte ihn natürlich nicht, bald danach mich mit neuen Lügen 
anzugreifen. So ist eben das Verhalten der schlechten deutschen, 
jüdisch vergifteten Presse. 
Einige Jahre nach dem Vater starb dann auch die Mutter. 
Ich segne das Andenken beider und freue mich, sie in der Ewig— 
keit wiederzufinden.“ 
Da Stoecker die späteren Verdächtigungen, er habe seine 
Mutter darben und hungern lassen, schon hier erwähnt, so 
mag gleich an dieser Stelle eine kurze Darstellung der Sache 
aus den Akten folgen, weil sie auf das Familienleben im 
Stoeckerschen Hause ein helles Licht wirft. Es handelt sich um 
den „Fall Leonardy“. In der Nr. 143 der „Mindener 
Zeitung“ vom 23. Juni 18885 fand sich nachstehender Artikel: 
„Halberstadt, 11. Oktober. Es dürfte besonders in Ihrem Wahl- und 
Leserkreise von Interesse sein, daß die alte Mutter des Herrn Hofpredigers 
Stoecker in ihrem letzten Lebensjahre es hauptsächlich einem hiesigen jüdi— 
schen Bürger namens Herz (in den Akten steht der Name Hirsch) zu ver— 
dänken halte, daß sie nicht direkt Hunger und Kummer erlegen ist. Dieser 
Mann hat sie speziell in hochherziger Art, aus rein allgemeiner Mensch— 
lichkeit, tatkräftig unterstützt, als der Herr Sohn schon längst Hofprediger 
war, und die weitere Tatsache, daß der Herr Hofprediger sein hochbetagtes 
Mütterchen vom Armenhause aus persönlich zur letzten Ruhe geleitet hat, 
dürfte denkenden Menschen zu Erwägungen veranlassen, wie es mit dem 
„christlich“ des Stoeckerschen Sozialismus eigentlich bestellt ist.“ 
Stoecker stellte Strafantrag bei der Staatsanwaltschaft, 
wurde aber, da die Sache kein öffentliches Interesse habe, auf den 
Weg der Privatklage verwiesen. Rechtsanwalt Klasing-Bielefeld 
erhob nun in Stoeckers Vollmacht die Klage und stellte durch 
Briefe, Akten und Zeugen einwandfrei fest, daß alle erhobenen 
Beschuldigungen entweder rein aus der Luft gegriffen waren, 
oder auf lügnerischer Entstellung unerheblicher Vorgänge be— 
ruhten. Zunächst liegen bei den Akten eine Reihe von Briefen 
des Vaters und der Mutter, die bekunden, daß das Familien—
	        
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