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Ertes Buch. Die Knabenwelt Sechstes Kapitel. Das Familiengericht

Full text: Cabanis. / Alexis, Willibald (Public Domain)

6. Kapitel. Das Familiengericht. 73 
Unter dem Langarm sie hindurchgeführt, dann kann sie zu Fuß 
nach Hause laufen,“ von solchen Stimmen hallte es rechts und 
links, so weit sie sehen und hören konnte. — „Heraus!“ brüllte 
der Markt, „wir wollen ihr schon den Weg in die Jüdenstraße 
weisen.“ — Das arme Mädchen war ohne Schutz; ihr reich 
galonierter Kutscher zitterte auf dem hohen Bock, dem bebaͤnderten 
Diener, hinten auf, kniffen die Gassenjungen in die Waden, sie 
zerrten ihn an den Rockschöhzen, sie fragten ihn, ob er fich nicht 
schäme, hinterm Judenmädchen auf zu stehen? — Die ftumme 
Schöne verstand nur zu gut, was ihr bevorstand. Sie sah vor 
sich „den Langarm“, den hölzernen Galgen auf dem Neumarkt, 
zwar 1740 nur noch mit den Porträts von Bankruttierern und 
Deserteuren behängt, aber ehedem ein Schandpfahl, vor dem 
manche Hexre in Person verbrannt war und mancher Jude gebüßt 
und geblutet hatte. Sie sah den Galgen und sah keine Rettung, 
wäre nicht Bruder Gottlieb gewesen. Es ist hier etwas dunkel 
geblieben, und ich glaube nicht mir allein, denn es verlohnte 
sich nicht, es aufzuhellen. Man wußte nicht, was Gottlieb 
antrieb sich des Judenmädchens anzunehmen, ob ihre Schön— 
heit, ob etwas mehr, ob er sie nur zufällig, unter den Höker— 
weibern umherschlendernd, erblickt, oder ob er unter dem Troß 
ihrem Wagen schon von fern gefolgt war. Darüber hat er 
weder vor den Lehrern, noch vor der Familie Auskunft gegeben; 
er räunte nur ein, daß er Kameraden geworben, unter denen, 
welche seine Beschäftigung teilten, nämlich nichts taten, um sie, 
wie er sagte: „loszukriegen·“ Der junge Tagedieb, der die 
Jüdin am Arm faßte, war ein Gymnasiast vom grauen Kloster, 
mit denen die vom Joachimstal in keinem guten Vernehmen 
lebten. „Sollen wir das ruhig ansehen, daß einer von den 
grauen Füchsen sich vor uns mausig macht!“ feuerte er die um 
ihn an, und diese, nie geneigt, etwas ruhig anzusehen, wenn es 
einen tollen Streich galt, waren schnell zuͤr Hand. Im Augen⸗ 
blick, wo das arme Nädchen wirklich schon auf dem Wagentritte 
stand, fich ängstlich um Hilfe umblickend, rief Goltlied drohend 
den wohlbekannten Gegner an, wer ihm das Recht gegeben, die 
Wagenlür aufzumachen? — Was ihn das Judenmadchen an— 
gehe, war die Entgegnung in einem Gespräch, das nicht ange⸗ 
fangen war, um mit' Worten aufzuhören. Gottlieb und der vom 
grauen Kloster waren Achill und Hektor bei den ihrigen, oft 
hatten sie schon Faust an Fauft sich gemessen. Bald flogen die 
Bücher des grauen Klostermannes über die Apfelkörbe der Höker, 
aber Gottfried selbst, der sie dahin geschleudert, flog zur Ver⸗ 
geltung auf eine Terrasse von Kohlkoͤrben. Gottlieb hatte er
	        
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