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Ertes Buch. Die Knabenwelt Fünftes Kapitel. Die Familie

Full text: Cabanis. / Alexis, Willibald (Public Domain)

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Alexis, Cabanis. 
„Amen!“ rief er. „Gut, daß ich ein alter Mann bin und 
das Ende nicht zu erleben brauche. Bring' er's zu Ende und 
mit Ehren; ich will meine eigene Ehre. Die ist altmodisch, 
darum will ich sie für mich behalten. Mein Haus ist auch alt— 
modisch, aber es hat eichene Türen und eiserne Beschläge dran; 
die sollen Zucht und Sitie verschließen.“ 
Ihr Gespräch wurde hier durch die allgemeine Aufmerksamkeit 
unterbrochen, mit der alle Köpfe sich nach der Tür drehten. 
8 R hieß es, und man hörte mehrere Tritte die Treppe 
erauf. 
„Wer kommt?“ fragte es in mir und mein Herz schlug so 
stark, daß es meine Nachbarin erschreckte. Mein kleiner Verstand 
hatte sich längst sagen können, daß ich diesmal nicht der Ver— 
urteilte war, daß das ganze Gewicht des Jamilienzorns auf 
einem anderen lastete, ich konnte ahnen, wer der andere war, 
und doch, — der Himmel muß große Nachsicht haben mit der 
menschlichen Schwäche, ich konnte in dem Moment meine un⸗ 
geheure Freude nicht vor mir selbst verbergen, daß es ein anderer 
war, und nicht ich. 
Sechstes Kapitel. 
Das Familiengericht. 
Die Tür ging auf und hereintrat, von seinem Inspektor geführt, 
mein Bruder Gottlieb. Er war es, über den die Familie 
richten sollte, oder vielmehr, es war längst gerichtet, es war nur 
ein hochnotpeinliches Halsgericht, das vor der Familie vollzogen 
werden sollte. Zu keiner Beratung, zu keinem Beschluß, zu einem 
Schauspiel waren sie zusammengekommen. Die Demütigung eines 
armen Menschen, seine Schmach, dazu hatten sie sich geputzt, die 
eifrigen Geschäftsmänner ihre Schreibtische verlassen, die deutschen 
Frauen ihre Wirtschaft! — Ich mußte unwillkürlich, wenn in der 
Folge mein Lehrer die kannibalische Grausamleit der Römer 
schalt, welche mit lechzenden Augen den Verbrechern zusahen, die 
erfinderische Grausamkeit den wilden Tieren vorwarf, an meine 
Verwandten denken. Doch es waren nicht übersättigte Römer, 
nur Bürger und Bürgerinnen einer Stadt, die noch nicht jährlich 
an sieben Siegen ihres Friedrich zehren lonnte, es war nicht 
Grausamkeit und Blutdurst, nur die grausame Langeweile einer 
eintönigen, farblosen Zeit. 
Ich weiß nicht, wer 
oder der junge Inspektor.
	        
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