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Alexis, Cabanis.
vor Zerknirschung, als er das Anerbieten des Monarchen ver—⸗
nahm, sprach vom gerührten Vaterherzen, das ihm nicht länger
erlaubt, den Tränen seiner geliebten Töchter zu widerstehen, von
der aufopfernden Liebe der beiden Jünglinge, erbot sich aber,
wenn Seine Majestät es gut heiße, das kaum geknüpfte Band
wieder zu zerreißen. Der Monarch war ärgerlich, aber eine
Verlobung, als Vorbereitung zu einem Sakrament, ihm eine viel
zu ernste Sache, um dies zuzugeben. Die Splittegarbschen Töchter
waren auch aͤrgerlich, die Sache aber war viel zu ernst, um sie
wieder rückgängig zu machen. Auf diese Weise hatten unsere
Vettern die reichsten Erbinnen von Berlin gewonnen, und das
Glück war auf einmal, wir wußten nicht wie, in unserer
Familie!
Wenigstens hieß es so. In den engeren Familienkreisen
unserer Vettern befand es sich nicht jederzeit. Außerhalb des
Haufes zog man freilich von nun an vor ihnen, als vor reichen
Leuten, tief die Hüte, im Hause waren sie aber nicht mehr als
vorher, das heißt die gehorsamen Diener ihrer Prinzipalstöchter.
Sie mußten, wenn sie in die Wohnzimmer ihrer Frauen treten
wollten, sich melden lassen, sie wurden zum Essen gerufen, mußten
Fächer und Tücher halten, einer sogar den Mops, und ihren
Ehehälften in die Gesellschaft folgen. Bei uns hatten die güten
Vettern es nicht so übel, denn an den Sofalehnen neben ihren
Frauen postiert, redeten diese oft ein freundliches Wort mit ihnen,
was freilich nur geschah, um mit einigem Anstande der Tante
Rätin den Rücken zu kehren.
Ich scheine Ihnen vielleicht etwas boshaft in der Schilderung
meiner Familie. Ich will den Vorwurf nicht ganz ablehnen,
denn ich gebe zu, daß alles, was zwischen uns bis dahin vor⸗
gefallen, weder meine Achtung noch meine Liebe erwecken können.
Auch was nachdem sich ereignet, war wenig angetan, mich auf
andere Gedanken zu bringen. An jenem Morgen verdroß es
mich zumal, daß mein Vaͤter, sobald er meiner ansichtig wurde,
von mir verlangte, ich solle umhergehen und allen Frauenzimmern
nach der Reihe die Hand küssen. Das war wohl sonst in der
Ordnung, aber auch heute es zu fordern, wo sie nur die Bos—
heit hergetrieben hatte, war doch zu grausam. Ich machte mich
nach der Reihenfolge an meinen sauren Frondienst und bei jeder
knöchernen Hand, die ich an meine Lippen drückte, mußte ich das
Kompliment wiederholen: „Bon jour, meine werte Cousine, wie
freuen wir uns der Ehre, Sie in unserem Hause zu sehen.“
Wenn doch auch nur eine gewesen wäre, die mir die Floskel
erlassen hätte! Besonders schwer wurde es mir, die großen, kalten