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Fünftes Buch. Wintermärchen Sechstes Kapitel. Zitierte Geister

Full text: Cabanis. / Alexis, Willibald (Public Domain)

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Alexis, Cabanis. 
waren als der Marquis beim Offizier und ihr eigener Vater 
auf ihrem Wagen. Befahl sie, um dem ängstlichen Spiele ein 
Ende zu machen, daß ihr Vater schnell umlenken sollte — und 
er gehorchte auf den Wink — so hatte ihr Geliebter jedesmal 
denselben Einfall, und sie blieben sich immer gleich weit und gleich 
nahe. Das Volk blieb stehen, es sammelte sich halb Berlin auf 
den Treppen des Opernhauses, vor der Bibliothek, an Prinzessin 
Amelies Palais, am Kupfergraben. Man lachte, man wies auf 
sie mit den Fingern, der Todesschweiß stand der Gräfin auf der 
Stirn. Sie winkte — umsonst — sie fiel dem Kutscher, ihrem 
Vater, in den Arm, umsonst. Es peitschten die beiden Kutscher 
aus Leibeskräften und das Volk fing an zu murren, vermutlich, 
weil man die Tiere ohne Not quälte, das Murren wurde Ernst, 
und sie erwachte. 
Es war der Pudel, dem ihre heftigen Bewegungen nicht 
gefallen hatten. Im Zimmer war es düster und einsam, toten⸗ 
still im weiten Schloß, Mitternacht war vorüber. Die Mitglieder 
der Gefpensterrepublik mochten längst auseinandergegangen fein, 
aber Amelie lag doch noch nicht in ihrem Bette. Offnete 
Eugenie die Tür, so brummte die Zugluft vom langen Korridor 
drüben und die enge Wendeltreppe herauf ächzte es wie ein 
Sterbender. Das waren Geisterklagen, wie sie jeden stürmischen 
Abend vor ihrer Schwelle sich vernehmen ließen, aber so bang, 
so einsam war ihr noch nie zumute gewesen. Und über die 
weite, weite Schneemasse, soweit sie die von ihrem Turme 
übersehen konnte, fuhr der bitter scharfe Nordwind, der Neumond 
hob seine Sichel im wolkenlosen Himmel, und das Sternenheer, 
wie Brillanten an dem azurnen Gewölbe, gab dem Schnee von 
jeinem Glanze ab; es strahlte und flimmerte von der Frostdecke. 
Welche andere Einsamkeit draußen als in den dunklen Wänden 
des Zimmers; sie fuchte bange nach Gegenständen in der uner— 
meßlichen Einförmigkeit. Wo eine vereinzelte Fichte ihre Aste 
sentte, wo eine Erhoͤhung Schatten warf, fernhin nach dem Saume 
des Waldes irrte ihr Blick. Sie suchte nach etwas und wußzte 
sich nicht zu sagen nach was? Ein Geist hauchte über die 
flimmernde Eisdecke; was nahm er nicht Gestalt an, was wurde 
er nicht sichtbar, was trat er nicht unter ihre Fenster. — Der tiefe, 
tiefe Fichtenwald jenseits, was konnte er nicht bergen in seinem 
verschwiegenen Schoße? Konnte es nicht herausbrechen plötzlich, 
über die Ebene sprengen? Die feste Schneedecke knirschte. Und 
wirklich, dort regte sich etwas, schwarze Schatten strichen über die 
weisze Ebene. Es waren nur die Dämmerschatten eines Fluges 
Dohlen. Sie kreisten am ihr Fenster. Aber dort? Die kKiefer
	        
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