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Viertes Buch. Die Vaterstadt Neuntes Kapitel. Das Abenteuer

Full text: Cabanis. / Alexis, Willibald (Public Domain)

9. Kapitel. Das Abenteuer. 
513 
„Ach, das waren böse Zeiten, lieber Cousin.“ 
„Wenn die andere Familie ihn im Stich ließ, den armen, 
rechtschaffenen Mann, dann bin ich gewiß, fand er in Ihrem Hause 
Liebe, Trost, Unterstützung.“ 
„Wir haben ihn hier sehr beklagt. Mutter und Vater haben 
oft etwas hingeschickt — aber wie die Sachen standen wegen der 
Familie, und seitdem Vater Geheimrat geworden, konnten wir 
den Inspektor doch nicht gut mehr im Hause sehen. Zudem hatte 
der Papa auch durch den Krieg verloren.“ 
„O, Sie taten gewiß zu viel für meine arme — meine 
Mutter, wollte ich sagen. Man hat ihr etwas zugeschickt, ins 
Haus geschickt! Mein Gott, wie gütig das war und daß ich nichts 
davon wußte! — Gute Nacht, Cousine. Morgen ist der feierlichste 
Tag Ihres jungen Lebens, voll Morgenrot und Maiengrün, voll 
Silber- und Goldglanz. Cousine Stephanie, kein besseres Hochzeits- 
geschenk wünsch' ich Ihnen von Ihrer ganzen großen respektablen 
Familie, als daß Sie nie dahin kommen, daß man Ihnen etwas 
ins Haus schicken muß, wie meiner armen Mutter. Und wenn 
es so bei den Sternen beschlossen wäre, darben Sie lieber, dulden 
Sie lieber, Sie finden immer einen Quell in der Brust, aber 
lassen Sie sich nichts ins Haus schicken von der Mildtätigleit 
Ihrer Familie.“ 
Und doch war ihm die Diele hart. Er hörte den Hahn 
krähen und schlief noch nicht. Er hatte jeden Tritt behorcht, so 
leise Stephanie auftrat, er hatte sie weinen gehört, und doch hatte 
sie gewiß das Tuch so vorgedrückt, daß jede schluchzende Bewegung 
unterdrückt wurde, und er hatte mitgeweint. Wie lange, wußte 
er nicht, als er erwachte; aber nebenan war es laut. Eine fremde 
ältliche Frauenstimme, die jedoch, je länger sie sprach, ihm nicht 
mehr fremd blieb, redete zu Stephanie. Das Gespräch wurde 
französisch geführt. 
„Daß ich dich heute würde wecken müssen, wer hätte das ge— 
dacht, mein süßes Kind, die jederzeit die erste im Hause wach ist!“ 
„Ach, mein Gott, teure Mama.“ 
.Was ist dir, du fährft auf und erschrickst?“ 
„Daß ich so spät aufwache; gewiß sonst nichts.“ 
„Du hast böse Träume gehabt. — Du weinst. — Da ist 
die Myrte heruntergefallen und die Locke verschoben — ach was 
ist das für eine Unordnung, der Taft ist zerknickt. Du hast 
nicht still gesessen, wie ich dich gestern verließ. Laß das Weinen, 
es schadet dem Teint; ich wünsche doch, daß meine Stephanie so 
hübsch vor den Altar treten soll, wie damals bei der Verlobung. 
oͤllle sagten, sie hätten seit lange kein so schönes Brautpaar ge— 
Alexis. Cabanis.
	        
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