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Viertes Buch. Die Vaterstadt Achtes Kapitel. Verrat

Full text: Cabanis. / Alexis, Willibald (Public Domain)

8. Kapitel. Verrat. 
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Korsett über den Leib gezogen und ein großer Kurierstiefel über 
den einen FJuß gestülpt. Was sie indessen häßlicher als alle 
Attribute des grotesken Scherzes machte, war die innere Wut, 
die nicht Organ genug fand, sich auszusprechen. Das auf— 
geschwollene Gesicht bebte, die Augen rollten, die Lippen standen 
voll Schaum, alles vor Anstrengung, daß fie nicht Stimme genug 
fand, Kroaten, Panduren, Russen, Kosaken, Trompeten und 
Trommeln und die Berliner Straßenjungen zu überschreien. 
„Mutter Kurzinne, Mutter Kurzinne 
Ist eine häßliche alte Spinne!“ 
sangen springend und jubelnd die ausgelassenen Buben. 
Waren denn zwanzig Jahre ein Traum gewesen, eine Spanne 
Zeit? War die bedrängte Frau, auf die sein Auge jetzt fiel, die 
gefoppte Reiterin, der Unhold, die Zielscheibe rohen Witzes, sie, 
die den Mund aufsperrte, als wollte sie sich mit der ganzen 
Soldateska beißen, die mit der Faust jetzt den Gassenbuben, jetzt 
Himmel und Erde drohte, nicht dieselbe Krämerfrau und Ver— 
wandte, welche ihn so oft an den Ohren gezaust, dieselbe, die 
mit zu seinem Entlaufen aus Berlin Veranlassung gewesen? Es 
mochten zehn Jahre her sein, daß er nicht an sie gedacht, und 
stand nicht jetzt wieder die Kinderzeit von damals ihm vor der 
Seele, fühlte er nicht die Angst in sich, als habe er etwas be— 
gangen, klapperten nicht die Murmeln ihm in der Tasche, konnte 
sie ihn nicht entdecken, auf ihn hinweisen, ihn angeben? Un— 
willkürlich fühlte er eine Röte im Gesicht, er mochte nicht ihrem 
häßlichen Blick begegnen, es war dieselbe Frau, Jahre konnten 
sie nicht häßlicher machen, ihren Höcker nicht ebnen, ihrer Stimme 
keinen Wohllaut leihen. Aber er war doch ein anderer. 
„Was hat sie denn begangen?“ fragte er vor sich hin, und 
ein paar Knaben, ungefähr wie er vor zwanzig Jahren, beeiferten 
sich, ihm zu antworten. Die Sache war für sie wichtiger als 
die Einnahme von Berlin, und daß ihrer Eltern Häuser die 
Plünderung drohte. Fast gerieten sie sich in die Haare, beide 
vor Eifer, ganz genau den nicht Unterrichteten von dem erstaun— 
tichen Vorfall in Kenntnis zu setzen. Sie hatten vom Ladenfenster 
den Auftritt belauscht. Etienne erfuhr wenigstens das mit Ge— 
wißheit, die Straße von Berlin hatte seit zwanzig Jahren ihre 
Sitten nicht gewechselt. 
„Sie hat nach ihrer Einquartierung geschlagen; nach zwei 
Kosalen, stellen Sie sich das vor.“ 
„Nein, die Kosaken haben ausgeschlagen, und dann hat sie 
nachgeschlagen.“
	        
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