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Viertes Buch. Die Vaterstadt Drittes Kapitel. Der tote Mann

Full text: Cabanis. / Alexis, Willibald (Public Domain)

3. Kapitel. Die tote Mann. 
und bunt, doch vermochte ihn nichts aus seinem tiefen Schlafe 
zu wecken. 
Es mochte schon spät sein, als er die Augen aufschlug und 
die Besinnung zurückrief, wo er sei Geweckt hatte ihn niemand, 
auch war es ringsum still, die Sonne schien durch die enge 
Dachluke. Er arbeitete sich aus dem Heuhaufen auf, weniger 
frisch als er gehofft. Erst die umgestürzte Leiter brachte ihm, 
was vorgefallen, in Erinnerung. Er rief nach Bruno, keine 
Antwort kam. Es sah unordentlich, zerstört auf dem Hofe aus. 
Ihn überraschte unangenehm der Gedanke, daß sie ohne ihn fort— 
geritten wären. Als auf sein wiederholtes Rufen niemand erschien, 
schickte er sich zum Sprunge an, der, nachdem eine Portion Heu 
vorausgeworfen, ohne Fährlichkeit abging. 
Auch jetzt zeigte sich auf dem Hofe kein lebendes Wesen. Er 
trat in die Scheune, Bruno war fort. Er wollte die Stalltür 
aufreißen, sie war offen und die Pferde verschwunden. Es zuckte 
eine Angst heiß ihm durchs Gehirn, wir zaudern gern auf dem 
Wege, der uns zu einer entsetzlichen Gewißheit führt. Er stand 
still in dem Torwege des öden Gehöfts und ließ, die Hand am 
Säbelgriff, das Äuge hinausschweifen. Es begegnete nichts 
als der monotonen Kieferneinsamkeit, die kein Kriegsruf, kein 
Sturmwind aufstört. Die Sonne stäubte in schrägen Strahlen 
durch die Nadelkronen und glänzte auf dem hellen Sande. Ver— 
spätete Zugvögel zwitscherten auf den üssten. 
Er wandte sich um, die Fenster der Hütte waren eingeschlagen, 
die Tür, erbrochen, lag auf der Schwelle. Den Säbel ziehend, 
trat er an das Fenster und übersah das Bild der Zerstörung, 
soweit die im Zugwind umherfliegenden Federn aus den auf⸗ 
geschlitzten Betten es vergönnten. Die Kacheln des Dfens waren 
eingeschlagen, der Tisch umgestürzt, die Gerätschaften lagen in 
Scherben umher, alles Spuren übermütiger Zerstörungslust. 
Nichts Lebendes im Zimmer als der alte Kater, dessen Feuer— 
augen vom Gesims herabglühten. Sie waren auf etwas Totes 
gerichtet, ein blutender Leichnam, halb seiner Kleider beraubt, 
lag über der umgestürzten Bank. Ein klaffender Hieb über der 
Stirn war das Siegel, das keine sterbliche Hand wieder löst, 
das Siegel des Todes. 
Warum steigen wir teilnahmlos über Hunderte von Leichen 
nach einer Schlacht, und warum durchbebt uns der blutende 
Anblick des einen, der getroffen daliegt von demselben Eisen wie 
die Ahren des Schlachtfeldes gemäht? Er hat das Leben so lieb 
gehabt wie die tansend Brüder, die Wunde hat ihn ebenso ge— 
schmerzt; er hat ebenso gedürstet. Eine stolze Wehmut hebt dort 
Alexis, Cabanis. 
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