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Drittes Buch. Der Marquis Zwölftes Kapitel. Der Bruder

Full text: Cabanis. / Alexis, Willibald (Public Domain)

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Alexis, Cabanis. 
würde doch manchmal mit Ihnen zusammentreffen; aber da wurde 
es immer schlimmer mit mir. Ich war nun mal tückisch. Wären 
Sie bei mir gewesen, ach Gott, es wär' gewiß anders geworden, 
aber es war ja keine Seele da, die mir ein freundlich Gesicht 
machte. Die traktierten mich alle als Taugenichts, bei dem kein 
gut Wort einschlüge. Das will ich ihnen noch gedenken! Und 
wie sie's gaben, so gab ich's wieder. Ach, Sie sind gewiß ein 
gütiger Offizier und lassen nicht schlagen, als wenn's einer ver— 
dient. Sie hätten mich fuchteln lassen können und Gassen laufen, 
so viel Ihnen beliebt, aber Sie hätten dann ein freundlich Ge— 
sicht gemacht und es wäre wieder gut. Nicht wahr, Sie 
hätten mich auch zum Burschen genommen und Ihnen wär' ich 
ein guter Bursch gewesen, ich hätte es keiner Seele sagen wollen, 
daß ich Ihr Bruder war, und es wär' dann alles anders ge⸗ 
kommen.“ 
Stephan wußte keine Antwort auf die Fieberrede, er hielt 
sich die Augen. Aber es war, als würde dem Gefangenen durch 
das Schnellreden die Brust erleichtert, die rauhe Stimme immer 
weicher. Der starke Mann zitterte am ganzen Leibe. 
„O wissen Sie, ich habe es nie aufgegeben, Sie zu sehen, aber 
ich meinte, Sie wären bei den Kaiserlichen. Ich hatte oft gedacht, 
wenn ich auf Vorposten stand, du wirst ihn einmal zu Gesicht 
bekommen. Wenn sie einen österreichischen Offizier einbrachten, 
lief ich zu und hoffte immer meinen Bruder zu finden. Sie 
müssen mir das nicht bös anrechnen, lieber Herr; ein armer 
Soldat, der sonst nichts auf der Welt hat, der behält das bißchen 
Gutes, was er mal erlebt, lange im Sinn. Es ist nicht so, 
wie mit vornehmen Herrschaften und Offizieren, denen täglich 
was Gutes in den Mund gelaufen kommt, die vergessen das bald. 
was bei unsereinem lange aushält.“ 
Als Stephan im Mantel verhüllt dagesessen, hatte er Worte 
aneinandergereiht und eine Strafrede gewußt für den Bruder, 
den er als Verbrecher wiedergefunden. Für den Unglücklichen, 
um dessen Brust die harte Rinde gesprungen von der sanften 
Berührung einer Erinnerung, für den Bruder war jedes Wort 
zu hart. Mochte es Wahnsinn sein, Fieber, Trunk, das ihm 
diese Sprache eingab, es war eine Sprache, die überwältigte. 
„Ach, Gottlieb, wenn ich dich retten könnte!“ 
.Ich weiß wohl alles, was ich verdient habe, und Sie müssen 
Ihre Pflicht tun. Ich war aber kein schlechter Soldat, wahr 
und wahrhaftig nicht, das muß ein Hundsfott sein, der mir das 
nachsagti Ich habe mich brav gehalten, lieber Herr Rittmeister; 
aber vertragen konnte ich nur nichts, und ließ nichts auf mir
	        
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