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Ertes Buch. Die Knabenwelt Drittes Kapitel. Bruder Gottlieb

Full text: Cabanis. / Alexis, Willibald (Public Domain)

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3. Kapitel. Bruder Gottlieb. 
noch des Vaters unbarmherzige Schläge, als er dem Paten einen 
langen Papierzopf angeheftet, und ich hatte es doch zuerst ge— 
wünscht! Bebend stand ich an der Tür und hatte nicht die 
Kraft, die Klinle aufzudrücken, nicht die Kraft, einen Laut zu 
äußern, nicht die Kraft, fortzugehen, und jeder Schlag drinnen 
traf mich mit. „Warum hast du's denn nicht gesagt!“ fragte 
ich, seine Hand beim Herausgehen pressend. „Dummer Junge, 
du hättest ja geweint,“ antwortete er. Ich nahm mir seitdeni 
vor, nie mehr zu weinen, ich konnte es aber nicht verlernen, so 
lange ich mit der Mutter zusammen war. Mit dem Paten 
Advokaten stand ich in offener Fehde, und doch schämte sich der 
Geizhals nicht, wo er Vorteil sah, die Dienste seines Feindes 
anzunehmen. Herr Schlipalius hatte einen Taubenschlag, und 
Gottliebs leidenschaftliches Vergnügen nach Knabenart war Zucht 
und Fang dieser Haustiere. Es war ihm oft gelungen, mit 
einem paar Locktauben andere einzufangen, eine Entführung, 
über die sich unsere Jugend kein Gewissen macht. Ist diese 
Art Taubenjagd ja durch ein altes Herkommen in der Stadt 
geheiligt. 
Dem klugen Advokaten gefiel diese Eigenschaft meines 
Bruders und hatte er ihm deshalb die Aufsicht über seinen 
eigenen schönen Taubenschlag anvertraut. „Er solle alles tun, 
was ihm gut dünke für die hübschen Tiere,“ lautete der offene 
Auftrag, dem er verstohlen hinzusetzte: „und alles, was sonst in 
den Hof käme, wenn's auch nicht dahin gehörte, nicht 
fortlassen, und den Taubenschlag hübsch mit ausschmücken.“ — 
Gottlieb kam dem Befehl aufs Wort nach. Die Taubenwirtschaft 
des Herrn Paten war nie in so blühendem Zustande; der Bruder 
lockte und pfiff in jeder freien Stunde, und es war eine Pracht 
zu sehen, welche Schwärme bunt gefiederter, seltener Tauben 
gurrend heranflogen, wenn Herr Schlipalius mittags die Erbsen 
streute. Seine Freude ging so weit, daß er unserm Gottlieb 
eine tombackne Uhr versprach, wenn er — mündig geworden, 
was freilich noch etwas weit hin war. Seltsamerweise aber, 
während die Taubenwirtschaft florierte, ging es dem Advokaten 
auf dem Rathaufe schlecht, er versäumte einen Termin um den 
andern, ward kontumaziert, in Ordnungsstrafe genommen, und 
er wußte doch nichts von der Vorladung. Die Sache konnte 
nicht länger verborgen bleiben, der darüber vernommene Gerichts— 
bote hatte Zitationsdekrete einem jungen Menschen auf dem Hofe, 
der in Diensten des Advokaten stehe, eingehändigt, und Gottlieb 
hielt auch nicht mit der Wahrheit hinterm Berge. Er hatte mit 
den Dekreten die innere Wand des Taubenschlages sauber be— 
Alerxis. Cabanis 
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