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Ertes Buch. Die Knabenwelt Achtes Kapitel. Der Verführer

Full text: Cabanis. / Alexis, Willibald (Public Domain)

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Alexis, Cabanis. 
und Bauerntölpel aus Pommern dafür genommen, die nicht 
rechts noch links unterscheiden: „Bindet ihnen nur Stroh und 
Heu an die Arme,“ schloß er, „prügelt ihnen die Taktik ein. das 
Genie wird nur geboren.“* 
Tiraden der Art bewegten mich nicht, denn wenn ich gleich 
Lust verspürte, Soldat zu werden, so war doch immer der Haupt- 
gedanke das Pferd; ein Infanterist war mir sehr gleichgültig und 
seit Gottlieb einer geworden, sogar ein widerwärtiger Gedanke. 
Aber der Signor Caseri konnte auch mit mehr Ernst reden. 
und sein Raisonnement drang dann tiefer ein! 
Schon damals lief es wie eine Ahnung gerade durch das 
Volk, daß aus dem Prinzen mit den großen blitzenden Augen, 
der selbst der zornigen Majestät seines Vaters auf den Tod zu 
trotzen gewagt, etwas Besonderes herauskommen werde. Die 
Lobredner der Vergangenheit befanden sich nur unter den gebildeten 
Ständen, wie wenig auch der selige König der Bildung hold 
gewesen war. Das Volk erwartete etwas Neues, und wie bald 
sollte aus diesem Keim gläubiger Begeisterung für ihren Liebling 
der mächtige Baum des preußischen Patriotismus erwachsen, unter 
dessen Schatten Friedrich die Angriffe seiner Legionen Feinde 
erwartete. — Aber Caseri wollte die Volksmeinung nicht teilen. 
Dem Südländer war die Ordnung, die Kontrolle, die Vernunft, 
die Mäßigung zuwider, die leidenschaftlose Abwägung zwischen 
Vergehen und Strafe. „Man schläft ein,“ rief er „vor Frostig— 
teit und Langeweile, wenn nicht die Trommel zuweilen weckte. 
Blut, es fehlt Blut in diesem Staate von gestern.“ 
So äußerte sich der Italiener in seinen vernünftigen Stunden, 
wenn er die Grimassen abgelegt hatte. Dann verbreitete er sich 
nicht ohne Scharfsinn über das Militärwesen und nannte Preußen 
ein Soldatenreich und den König einen Soldatenkönig, der in 
der Verlegenheit wäre, nicht zu wissen, was er mit seinen Soldaten 
beschützen sollte. Das Königreich wäre ein Körper, der in seinem 
Staatskleide sich verkröche, und um das Kleid immer zu vergrößern 
und prächtiger zu machen, müßte der Leib drinnen hungern und 
darben, bis er die Schwindsucht kriegte. Der zweite Friedrich 
war ihm nur eine Fortsetzung des gestorbenen Soldatenkönigs, 
vielleicht auf eine andere Manier, aber es liefe doch alles auf 
eine Parade aus. Die großen Augen machten noch kein großes 
Herz, und der kleine Leib des Thronfolgers habe so wenig Feuer 
als der große des Thronlafsers Geist! Mit diplomatischen Kniffen 
und Pfiffen und prächtigen Manövern werde er vielleicht in der 
Not des römischen Reichs, seines um drei Meilen Sandboden 
vergrößern, aber deshalb werde Preußen noch kein großes Land
	        
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