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Ertes Buch. Die Knabenwelt Siebentes Kapitel. Die neue Zeit

Full text: Cabanis. / Alexis, Willibald (Public Domain)

7. Kapitel. Die neue Zeit. 
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er ausposaunen lassen; aber hinterm Rücken bezahlt er sie. 
Seines Vaters Schulden hat er ausposaunen lassen, und hinterm 
Rücken bezahlt er sie nicht. Warum ließ er das posaunen? 
Weil er meint, sein Vater hätte keine Schulden. Keine Schulden? 
— Sein ganzes lumpiges Königreich in eine Wagschale, und 
meine Forderung in die andere, und er kommt mir nicht auf. 
Will er nicht seines Vaters Schulden bezahlen, darf er auch nicht 
seines Vaters Krone tragen. Er muß sich nicht für seinen Erben. 
für seinen Bastard muß er sich erklären.“ 
Meine Eltern sagten gar nichts, sondern hörten ehrerbietig 
zu. Als er aber weiter perorieren wollte, bemerkte der Vater 
leise, es stehe jemand vor der Haustür, der wohl französisch ver— 
stehen möchte! Augenblicklich verstummte Monsieur, und die 
Mutter nahm die Gelegenheit wahr, mich ihm vorzustellen: „Hier 
ist mein Sohn.“ 
Es war, als ob den Herrn im Scharlachüberrock ein Anflug 
von Rührung überkomme. Er wollte mich zu sich aufheben, aber 
ich war ihm zu schwer; waren es doch schon drei Jahre her, 
seit er zum letztenmal bei uns gewesen. Da bemerkte ich zum 
erstenmal, daß er nicht so groß war, wie ich ihn mir sonst ge— 
dacht, auch war er von schwächlicher Statur, unproportioniert 
gewachsen und hatte, was man einen Verdruß nennt, auf dem 
Rücken. Das minderte alles den feierlichen Eindruck von sonst, 
aber ein vornehmer Mann blieb er doch, und mir wurde ganz 
eigen zu mute, als er mir mit der langen weißen Hand, die von 
Ringen strotzte, über den Kopf strich. 
„Wie er groß geworden ist!“ sagte er, und mir schien's, als 
stäände ihm eine Träne im Auge. „PBVerrät er schon eine Neigung 
zu einem Stande?“ 
Die Mutter mochte nicht mit der Antwort heraus, daß ich 
gern ein Soldat zu Pferde sein wollte, der Vater sagte schnell⸗ 
„So etwas kommt ihm nicht in den Sinn.“ 
„Studiert er fleißig?“ 
„Sein Pensum wird ihm nicht erlassen,“ sagte der Vater. 
„Er muß italienisch lernen,“ antwortete der Marquis. 
„Italienisch, Italienisch ist eine Sprache so voller Wohlklang, 
Rhythmus, Fülle, Weichheit, Kraft, wie der Charakter eines vol— 
kommenen Menschen. Apropos, hat der Knabe Charaktter?“ 
Die Eltern hatten noch nicht Zeit zu antworten, als er schon, 
ans Geländer sich lehnend, die Treppe mehr hinunterschoßals 
ging. Wir hatten Mühe ihn einzuholen, Ob ich schon Taschen— 
geld bekäme, fragte er mich auf dem Flure. Dem Vater schien 
es nicht lieb, daß ich „nein“ sagte. „Er bekommt, was er bedarf.“ 
Alexis, Cabanis.
	        
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