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Erstes Buch Man speist zu Nacht und Herr Grandidier erzählt eine Geschichte

Full text: Die Grandidiers / Rodenberg, Julius (Public Domain)

„Er handelt mit alten Monturen,“ spottete der Professor. 
„Erstens ist es nicht wahr,“ versetzte der Oberst; „und 
zweitens sind alte Monturen immer noch ein besserer Artikel 
als schadhafte Trinksprüche.“ 
„Herr Grandidier!“ wandte sich nun der Professor, an 
seiner verwundbarsten Stelle getroffen, gegen den Haus— 
herrn. „Sie werden Ihre Gäste nicht eingeladen haben, um 
sie beleidigen zu lassen von einem ...“ 
herr Grandidier, der unter dem Eindruck der mannig⸗ 
fachsten Empfindungen dieses Abends bisher stumm gewesen 
war, ward durch diesen Appell aus seinem Hinbruͤten ge⸗ 
weckt. In seiner Seele hatten zwei Strömungen miteinander 
gekämpft: die erneute Bitterkeit über den Ungehorsam seines 
Sohnes und der Gedanke an seinen ehemaligen braven, un— 
glücklichen Kameraden Glöcklin. 
Während der alte Knüppel in die Nebenstube gegangen 
war, um sich vor Entzücken über die Niederlage des Professors 
die Hände zu reiben und dem Obersten im stillen ewige 
Freundschaft zu geloben, hatte Herr Grandidier kaum auf 
den Streit der beiden gemerkt und legte demselben auch jetzt 
keine Bedeutung bei. 
„Mein guter Herr' Professor,“ sagte er mit etwas ge⸗ 
zwungenem Lachen, „Sie wollen mir doch nicht einreden, 
daß das Ihr Ernst sei? Lassen Sie doch! Nichts amüsanter 
als solch eine kleine Debatte bei Tisch.“ 
„Das mein' ich auch,“ nahm Herr Süchier das Wort, 
froh, daß, nachdem sein Schwiegervater gelacht, er sich in 
dieser Hinsicht gleichfalls keine Enthaltsamkeit mehr auf—⸗ 
zuerlegen brauche. „Es geht nichts über ein fröhliches Tisch— 
gespräch,“ und dabei brach er in ein so herzhaftes Lachen aus, 
daß das Glas in seiner Hand zitterte. 
„Süchier! Süchier!“ rief seine Frau. 
Doch dieser war jetzt in seiner sonnigsten Laune. „Hast 
du vielleicht etwas dagegen, daß der Oberst mir gefällt? Bist 
du vielleicht eifersüchtig?“ 
„Du solltest es sein!“ versetzte die hübsche Frau, indem 
sie die zierlichen Lippen trotzig zusammenzog. 
„Wenn ich dir nun sagte, daß ich ihn einladen werde, 
künftig auch unser Haus zu besuchen?“ 
„Und wenn ich dir nun sage, daß ich es bereits getan habe?“ 
Der Oberst saß zwischen den beiden wie in Abrahams Schoß. 
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