Path:
Erstes Buch Der Oberst und seine Mannschaften treten an

Full text : Die Grandidiers / Rodenberg, Julius (Public Domain)

ausrangiertes Militärpferd. Aber hochbetagt wie es war,
so war ihm doch, nachdem es dem Vaterlande rühmlich ge⸗
dient, keine frohe Ruhezeit beschieden. Es schien nicht im
Uberfluß zu schwelgen. Seine Knochen standen überali her—
aus, man konnte seine Rippen zählen, es zitterte beständig
über den ganzen Körper und spitzte bei dem geringsten,
manchmal auch bei gar keinem Anlaß die Ohren.
Aber merkwürdig wie das Roß auch sein moöchte, der Reiter
war noch viel merkwürdiger. Er trug einen Hut von so
schäbigen Ansehen und so altmodischer Fasson, daß Herr
Grandidier, der am Fenster stand, sich unwillkürlich davon
angezogen fühlte und dem Reiter mit den Blicken folgte,
indem dieser langsam über die Brücke daher kam. Er war in
seiner Art so steif wie das Roß, das er ritt, und sein Ober⸗
körper rührte sich nicht; aber bei jedem Schritt, den sein edles
Tier langsam und bedächtig machte, nickte er langsam und be⸗
dächtig mit dem Kopfe, wobei der Hut, der ihm, außer allen
seinen anderen —— auch zu eng war, gleichfalls
nickte. In geringer Entfernung hinter ihm her ging ein
Mann, der seinem ganzen Außeren nach notwendig zu dem
Roß und Reiter gehoren mußte: denn er schritt daher mit der⸗
selben Grandezzaä wie das erstere und truüg einen Hut, nur
noch um einen Grad schäbiger und altmodischer wie der andere.
An seiner Seite lief ein Huͤndchen, ein graues, halbverhunger⸗
tes, zottiges Tier, welches den Aufzug beschloß, in jeder
Hinsicht der dreie würdig, deren Nachtrab es bildete. So be⸗
wegten sie sich vorwärts; aber wer beschreibt das Erstaunen
des Herrn Grandidier, als sie direkt auf sein Haus zuhielten
und, als sie dasselbe erreicht, alle Vier in den gemessenen Ent⸗
fernungen, in welchen sie gekommen waren, still standen!
Ein Haufen von Gaffern hatte sich bereits um sie ver—⸗
sammelt was übrigens den Reiler nicht im mindesten genierte.
Nachdem er sein Roß angehalten hatte, sah er zuerst nach der
Nummer des Hauses, dann griff er mit einer pathetischen
Handbewegung in die Brusttasche, zog ein Blatt Papier
heraus, las, was darauf stand, und rief hierauf mit lauter
Stimnie: „Wohnt hier Herr Grandidier — Herr George
Grandidier zu Neu⸗Kölln am —78— in Berlin?“
„Um Gottes willen,“ sagte Herr Grandidier, der am
offenen Fenster stand — denn die Luft war milde, es war
an einem Nachmittag im Vorfrühling; „wir bekommen Be—

51
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.