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Viertes Buch Auf Straßburgs Trümmern

Full text: Die Grandidiers / Rodenberg, Julius (Public Domain)

In der furchtbaren Nacht, in welcher diese ehrwürdigen 
Gebäude zugrunde gingen, waren auch ein paar Häuser der 
Nachbarschaft ein Raub der Flammen geworden. Eines 
derselben hielt sich noch aufrecht. Es war ein altes Haus 
mit vorspringendem Balkenwerk, jetzt vom Feuer noch mehr 
als vom Alter geschwärzt. Das Dach und der obere Stock 
waren herabgestürzt; es stand unsicher auf seinen Füßen, 
und man konnte, wenn man es ansah, den Tag voraus⸗ 
berechnen, an dem es überhaupt nicht mehr stehen würde. 
Doch schien es in seinen Kellerräumen noch bewohnt, und auf 
der obersten Stufe der Treppe, welche hinaufführte, saß ein 
Knabe. Müde hing ihm das Haupt herab, doch ein Sonnen— 
strahl hatte sich mitleidig zu ihm verirrt. 
Glöcklin sah beides mit einem Blick: das zerstörte Ge— 
bäude und das kranke Kind. „Mein Haus und mein Enkel!“ 
rief er jemmernd. — „O George — George ...“ 
Es konnte zweifelhaft sein, wen von beiden er mit diesem 
Ausruf gemeint habe — den Freund an seiner Seite oder 
den bleichen Knaben, der jetzt, als er seinen Namen hörte, 
die Augen aufschlug. Aber es waren nicht die hellen Kinder— 
augen mehr, es war etwas unsäglich Trauriges, oder viel— 
leicht mehr noch Trauererweckendes, Stumpfes, fast Greisen⸗ 
haftes darin. Sein Blick irrte zu den Männern hin, die vor 
ihm standen. Er duldete den Kuß, welchen Glöcklin auf seine 
kalte Stirne drückte. Nur einmal glitt ein schwaches Lächeln 
über sein Antlitz, als Herr Grandidier ihm die Hand auf das 
Haupt legte; und in einem kaum verständlichen Gemurmel 
kam es über seine Lippen wie „Bärbel“. Als Eduard ihm 
nahte, wandte er sich ab vor der preußischen Uniform. 
Die Männer stiegen in den Keller hinäb. Er war nur 
noch von zweien eingenommen: von einer Frau, die zu 
Füßen einer Leiche kauerte. Die Leiche war die von Alfons 
Grandidier, und die Frau war Helene. 
Trübselig flimmerte noch das Lämpchen an der Decke, 
kaum so viel Licht verbreitend, um diese jammervolle Szene 
zu beleuchten. Helene gab kein Zeichen, weder der Über⸗ 
raschung noch des Schmerzes, als die Männer eintraten. 
Sie saß stumm und unbeweglich am Boden, die Hände über 
den heraufgezogenen Knien zusammengefügt, die Augen un⸗ 
ablässig auf das Gesicht des Toten geheftet. Es war an der 
linken Schläfe und über der Stirn mit einem weißen Tuche 
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