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Erstes Buch Herr George Grandidier führt seinen Sohn auf den rechten Weg

Full text: Die Grandidiers / Rodenberg, Julius (Public Domain)

„Wir könnten so glücklich sein,“ sagte er oft zu seiner 
Ehehälfte, welche jetzi fast beständig am Eckfenster ihres 
Hauses saß mit der Aussicht auf die Apfelkähne und die Jusel⸗ 
brücke, waͤhrend unter ihren Händen die Stricknadeln lustig 
fortarbeiteten. „Wir koͤnnten so glücklich sein,“ sagte er, 
„das Geschäft blüht, unsere Töchter sind gut verheiratet — 
aber der Junge, der Junge! Der macht mir Sorge! 
Frau Luise Dorochea, ein braves Weib, wie sie war, 
empfand ordentlich einie kleine Schadenfreude darüber, daß 
ihr Mann jetzt auch seinen Kummer hatte, und es gewährte 
ihr eine Art von Trost, in die Opposition zu gehen und ihren 
Sohn in Schutz zu nehmen. Ja, sie wuchs in dieser neuen 
Aufgabe, sie, die gedudige Frau, die früher ihrem Manne 
niemals widersprochen. 
„Ich sehe nichts Böses an unserem Eduard,“ sagte sie 
daher; „er macht seine Streiche wie jeder andere Junge, 
du strafst ihn dafür — damit ist die Sache doch abgemacht. 
Was willst du denn sonst noch von ihm?“ 
„Was ich von ihm will? J, das weißt du doch so gut 
als ich. Ihn zu einem richtigen Hutfabrikanten erziehen!“ 
„Wenn er nun aber nicht willꝰ“ J 
„Er — nicht wollen?“ brauste Herr George Grandidier 
auf. Aber doch stieg plötzlich die Möglichkeit, daß er vielleicht 
nicht wolle, wie etwas sehr Schreckuches vor ihm auf; und 
dann, mit einem Tone des Vorwurfs, wandte er sich wieder 
an seine Frau: „Wenn er nicht will, so bist du schuld daͤran —* 
„Ich dNrief die gute Frau verwundert und üeß das Strick⸗ 
zeug fallen. 
„Ja, du — Luise Dorothea Grandidier, geborne Schnockel. 
Du und noch wer anders!“ 
„Mach doch keine törichten Anspielungen,“ erwiderte die 
Frau; „ich bekümmere mich den lieben langen Tag nicht um 
den Jungen, weil du sagst, ich verstände nichts davon; du 
aber verziehst ihn auf der einen und machst ihn ganz irre mit 
all deinen Ratschlägen und Verweisen auf der anderen Seite. 
Laß ihn doch seine jungen Jahre genießen!“ J 
„Das soll ich wohl,“ rief Herr George Grandidier, bei 
dem sich das leicht entzündbare Blut immer mehr regte, 
„als ich in seinem Alter war, sadçe nom de Dieu! was war 
ich da schon für ein fixer Kerl!“ Was ein gutes Häkchen werden 
will, das krümmt sich bei Zeiten.“ 
Rodenberg, Die Grandidiers 8 
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