aufgeregtes, fieberhaftes Leben; immer stärker ward das
Gewühl, je näher er den Linden kam. Zeitungsjungen boten
ein Extrablatt mit den neuesten Nachrichten aus. Der Reichs⸗
tag des Norddeutschen Bundes war zusammenberufen
worden. Bayerns hochherziger junger König hatte sich für
die Sache Deutschlands erklärt, Württemberg machte mobil,
Baden rüstete. Bazwischen die Flucht der Menschen. Hoch⸗
bepackte Wagen rollten, einer hinter dem anderen. Vor
den Gasthöfen drängten sich die Fremden. Russen und
Polen, Holländer und Skandinaven redeten durcheinander.
Aus ihren Sommersitzen aufgescheucht, suchten alle die
Heimat, das schützende Dach zu gewinnen, ehe der erste
Donner grollte, der erste Blitz züngelte.
„Die Tage von Arndt und Schenkendorf kommen wieder,“
sagte ein alter, hochgewachsener Mann, seiner Sprache nach
ein Hamburger, ein Greis mit langem weißem Haar, aber
noch aufrecht in seiner Haltung, am einen Arm seine n
führend und an der anderen Hand sein Enkelkind. „Man
hörte schon im Geiste Lützows wilde verwegene Jagd einher⸗
brausen, als die Studenten und Soldaten auf dem Bahnhof
zu Leipzig das Lied Körners anstimmten.“
Sein Nebenmann, ein Abgeordneter, der bei der ersten
Nachricht aus seinem süddeusschen Bade herbeigeeilt war,
sagte: „Da drunten ist's nicht anders. Welch eine Seligkeit,
zu fühlen, daß wir endlich einmal alle eines Sinnes und
einer Seele sind!“
„Alle! Alle!“ rief der Greis, indem er die eine Hand
frei machte, um sie dem Manne zu geben, den er nie zuvor
gesehen, und von dem er erst nachher erfuhr, wer er sei.
Sinnend entfernte sich Herr Grandidier. Vor der Kaserne
der Gardedukorps in der Charlottenstraße war abermals eine
starke Ansammlung von Wagen mit Furage, von Pferden,
die ungesattelt und in großen Koppeln zusammen nach den
Ställen geführt wurden, von Gardekürassieren, halb in der
Uniform und halb noch in der Bauernjacke, von stämmigen,
schlank aufgeschossenen Burschen, mit einem Bündelchen uͤber
der Schulter, von blutjungen Studenten, die Reiterstiefel
und Zerevismützchen trugen.
Herr Grandidier ging eigentlich ohne bestimmte Absicht,
aber immer in derselben Richtung, er bog in die Dorotheen⸗
und in die Friedrichstraße ein und setzte seinen Weg dann
342