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Erstes Buch Herrn und Frau Grandidiers größter Kummer

Volltext: Die Grandidiers / Rodenberg, Julius (Public Domain)

treten und sie sehen, oder daß einer von den alten Bekannten 
es ihm verraten könnte. 
Doch Gott ist gerecht. Wenn Frau Grandidier ihren 
Kummer hatte, so soͤllte Herr Grandidier bald auch den seinen 
haben; und dieser Kummer, oder vielmehr derjenige, der ihm 
denselhen bereitete, war sein Sohn Eduard — „Grandidier 
junior“ wie sein Vater ihn schon nannte, als er noch im 
Kinderwägelchen umhergefahren wurde. 
Grandidier junior war der Spältüng der Ehe gewesen, 
fast noch ein Kind, als seine beiden Schwestern sich rasch nach— 
einander verheiraieten; die ältere, Charlotte, vulgo Lottchen, 
an einen Geheimen Kanzlisten, der inzwischen Kanzleirat 
geworden war, und die juinigere, Berta, an einen, großen 
Industriellen gleichfalls don der französischen Kolome, 
namens Süchier, Fabrikant von wollenen“ Stoffen und 
Teppichen in der Stralduer Straße. Die gute und ehrenhafte 
Stellung seiner Töchter machte den Valer glücklich; aber 
sein Stolz war Grandidier junior. Gar nicht zu reden von 
der besonderen Zärtlichkeit, die ihn zu diesem, seinem Jüngsten, 
hinzog, hatte er auf ihn alle seine Hoffnungen in betreff der 
Hüte gesetzt. Die Graͤundidiers hatten vor zweihundert Jahren 
das Hutgeschäft mit sich nach Berlin gebracht, und es hatte 
sich seitdem vererbt von Geschlecht zu Geschlecht, aber noch 
niemals in solcher Größe, wie er es seinem Sohn hinter— 
lassen würde. Wie beneidenswert war dieser Knabe, der sein 
Nachfolger werden sollte, der Erbe all seiner Ehren und Reich⸗ 
tümer, der künftige Träger seiner Firma, der Stammhalter 
des Hauses Grandidier! Wie gut würde er es einst haben! 
Er kam sozusagen in ein gemachtes Belt. Er brauchte nur fort⸗ 
zusetzen, was der Vater begonnen; dem Alten lachte das 
Herz im Leibe, wenn er an die Zutunft seines Sohnes dachte. 
Allein schon in seinen jungen Jahren zeigte derselbe ge⸗ 
wisse Neigungen, die mit denen seines Baters nicht ganz 
übereinstimmten. Er war ein hübscher Junge, mit langem, 
weichen nußbraunem Haar und duntlen Augen, die träumerisch 
und doch wieder auch teilnehmend in die Welt blidien. E— 
war ein schwermütiger Ausdruck in ihnen, der zuzeiten ganz 
Plötzlich bei irgendwelchem Anlaß einem schalkhaften, voll 
Humor und lachender Heiterkeit Platz machte. Dabei war 
er still für seine Jahre; früh schon mehr nach innen gewandt 
als nach außen — aber darum lein Kopfhänger. Unter seinen 
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