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Zweites Buch Herrn Grandidiers Villa

Full text: Die Grandidiers / Rodenberg, Julius (Public Domain)

Dorfschaft Gerechtsame an demselben. Das alles mußte nun 
erst abgelöst, Verhandlungen mit Ratspersonen und Notaren 
mußten gepflogen, Eingaben gemacht und überhaupt viel 
Umsicht und Klugheit angewandt werden. Denn diese weisen 
Väter, sobald sie nur einmal merken, daß man es auf ein 
Grundstück abgesehen hat, gehen mit ihren Forderungen 
gleich in die Höhe. Das Bambusrohr, das mit dem goldenen 
Knopfe, welches Herr Grandidier ehemals so hoch geschätzt 
hatte, sah man nicht mehr. Aber der braune Rock, der sonst 
nur bei wichtigen Angelegenheiten zum Vorschein kam, der 
war jetzt in Permanenz. Denn Herrn Grandidiers ganzes 
Leben bestand jetzt nur noch aus wichtigen Angelegenheiten — 
aus solchen, wir bedauern es zu sagen, die ihm früher für 
einen Mann seines Standes, Inhaber der Firma Grandidier, 
als sehr unnütz, sehr zeitraubend, ja sehr töricht vorgekommen 
sein würden. Aber so ist der Mensch; und Herr Grandidier 
schreckte nicht vor Schwierigkeiten zurück, wenn er seinen Kopf 
einmal auf etwas gesetzt hatte, wiewohl er sehr bald inne— 
werden sollte, daß Häuser zu träumen billiger ist, als Häuser 
zu bauen. Er ein Haus bauen, rein zum Vergnügen — eine 
Villa in romantischer Lage! — Zuweilen, wenn er sich recht 
darauf besann, kam ihm die Sache so komisch vor, daß er 
selbst darüber lachen mußte. Doch auch das überwand er, und 
zule tzt ncen er sie höchst ernsthaft, wie sie genommen werden 
mußte. Er ward mit Leib und Seele Architekt. Ganze Haufen 
von Büchern, Abbildungen und Beschreibungen schleppte er 
zusammen und studierte sie, bis er das Ding so gut verstand 
wie sein Baumeister. Diesem freilich ward angst und bange, 
wenn Herr Grandidier kam, um ihm eine neue Idee mit— 
zuteilen, wobei er von Gotik und Renaissance, von Grundbau 
und Oberlicht sprach, von Simsen und Säulen, als ob er 
Zeit seines Lebens nichts anderes getan hätte, als Risse zu 
machen und Baupläne zu entwerfen. „Wissen Sie was, 
Herr Grandidier,“ sagte der Baumeister in Verzweiflung, 
„wenn wir das Haus so bauen, wie Sie wollen, so wird kein 
Zimmer darin sein, in welchem Sie stehen, kein Fenster, 
durch welches Sie sehen, und keine Treppe, auf der Sie gehen 
können. Überlassen Sie das doch mir!“ Herr Gramdidier 
war zwar weit davon entfernt, widerlegt worden zu sein. Er 
* zu Haus ganz laut, daß der Baumeister ein störrischer 
ensch sei, der sich seiner besseren Einsicht verschließe; und 
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