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Erstes Buch Herrn und Frau Grandidiers größter Kummer

Full text: Die Grandidiers / Rodenberg, Julius (Public Domain)

haus; es war in der —I alt gewesen, als Herr Gran⸗ 
didier, noch ein junger Mann, in der Kleinen Mauerstraße 
war· Es stammte aus dem vorigen Jahrhundert, und ein 
Edelmann ee darin gewohnt, mit einem schönen Garten 
und alten Bäumen, da wo jetzt der Fabrikschornstein rauchte. 
Denn die vornehmen Leute hatienes selldem aufgegeben, 
in dieser Gegend zu wohnen, und an ihrer Sielle begann die 
Industrie von Berlin sich anzusiedeln. Das Haus war in 
einem Zustande llaͤglichen Verfalis gewesen, als herr Gran— 
didier es daufte; auch blieb, nachdem er die notwendigen 
baulichen Veränderungen vorgenommen, von der ehemaligen 
Pracht wenig übrig, außer den Wanopfeilern des ersten 
Stocks, den ruͤnden Fenstern oder ‚Dchsenaugen“ des zweuen 
und einigen Bild säulen und Vasen auf dem Brustgeländer des 
Dachs. Aber inwendig war dles von einer feften und soliden 
Bauart, wie man sie jetzi in den neuen Häusern nicht mehr 
antrifft. und hier, mitten in seiner Welt ein angesehenes 
Mitglied der Kolonie, bei den Reichen wohlgelitten von den 
Armen geliebt und von memöand beneibet —, lebte Herr 
Grandidier glücklich und zufrieden. 
Weniger glücklich und zufrieden war Frau George Gran⸗ 
didier, oder wie sie mit ihrem donlen christlichen Namen hieß: 
Frau Luise Dorothea Grandidier, geborene Schnockel. Aus 
einer alten, guten Familie des Berliner Bürgerstandes, in 
welcher das Mützengeschäft vom Vater auf den Sohn ging, 
war · sie von Herrn Gebrge Grandidier zur Eheliebsten er⸗ 
koren worden zu einer Zeit, wo dieser noch ein kleiner Mann 
war. Nichtsdestoweniger hatte sie es als eine Art von Standes⸗ 
erhöhung betrachtet, als die Neigung ihres Erwählten sie 
von den Mützen zu den Hüten erhob ud e blieb ihm in 
Treuen dafür dankbar ihr Leben lang. Der Grund ihres Miß⸗ 
ergnügens lag daher nicht darin, daß sie dem Maͤnne, den 
—BB gegeben, den legitimen Erfoig oder den Hüten, die 
er fabrizierte, den weiten Absatß nicht gönnte. Nei! — un— 
dankbar oder eifersüchtig auf den Ruhm ihres Eheherrn war 
Frau Luise Dorothea Grandidier nicht; sie war ůͤberhaupt 
nicht eifersüchtig. Sie war das mildeste, bescheidenste Wesen, 
auf welches Goͤttes Sonne in Berlin herabschien, und sie 
war dabei so korpulent, daß ihr schon zus diesem Grunde 
iemand etwas Böses zugetraut hante. Neid Eifersucht, 
Bosheit — alle diefe letnen und — 
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