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Zweites Buch Freund und Feind

Full text: Die Grandidiers / Rodenberg, Julius (Public Domain)

Die letzteren Worte waren mehr für sich als für Frau 
Grandidier gesprochen, welche ganz in Anspruch genommen 
war, den einen Herrn zu verabschieden und den anderen zu 
empfangen. 
Der Professor ward jetzt nur noch selten in dem Hause 
gesehen, dessen gastliche Zusammenkünfte und festliche Abende 
er früher so sehr geziert hatte. Jener erste Mißerfolg, welcher 
durch die Dazwischenkunft des Obersten veranlaßt worden, 
war nicht spurlos vorübergegangen. Er hatte ihn in der 
Meinung dieses Kreises, in welchem er so lange unbestritten 
gegolten, sehr herabgesetzt. Denn der Makel der Lächerlichkeit 
ist schwer zu verwischen. Außerdem fehlte die Gelegenheit 
dazu. Seit Eduards Fortgange war es stille bei den Gran— 
didiers geworden und mit dem Einzug der Straßburger ein 
Element hinzugekommen, welches noch weniger nach dem 
Sinne des Prosessors sein mochte. Sie erinnerten ihn durch 
ihr bloßes Dasein beständig an den verhängnisvollen Abend, 
an welchem sein Stern zu bleichen begann; sie mahnten ihn 
durch ihre Gegenwart, daß — sichtbar oder unsichtbar — 
der Feind in der Nähe. Sie waren ihm unbehaglich, diese Leute, 
die nach seiner Meinung etwas an sich trugen, was die ge— 
sellige Freude verscheuchte; deren Biederkeit ihm nur eine 
Maske zu sein schien, hinter welcher die Berechnung sich ver— 
barg. „Sie sind Dudmäuser,“ pflegte er zu sagen, „alles 
an ihnen ist geziert und gemacht, selbst die Sprache. Ich 
traue dieser schwäbelnden Gemutlichkeit nicht.“ 
Aber auch mit dem Professor war eine Veränderung vor⸗ 
gegangen. Das edle Selbstvertrauen, welches den Mann aus⸗ 
zeichnete, der die Gesellschaft so lange beherrscht, die Sicherheit 
des Erfoiges waren von ihm gewichen. Immer, wenn er das 
Glas ergreifen und seinen Trinkspruch ausbringen wollte, 
fiel jene unglückselige Stunde ihm ein. Er fühlte die Hand 
des Schicksals über sich. Er war ja freilich nicht auf das Gran— 
didiersche Haus allein angewiesen. Eine neue Gesellschafts— 
klasse war damals in der Bildung begriffen, die großen Luxus 
trieb und zur Begründung ihrer Ansprüche für notwendig 
hielt, überall auf den ersten Plätzen gesehen zu werden. Alles, 
was Geld vermochte, war oder kam in ihren Besitz. Sie be— 
schützten die Kunsi. Sie waren in den ersten Vorstellungen. 
Sie drängten sich in die teuren Konzerte. In diesen Salons 
war der Professor bald eine heimische Figur geworden. Denn 
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