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Zweites Buch Freund und Feind

Full text: Die Grandidiers / Rodenberg, Julius (Public Domain)

halten willst, gleich wieder die frühere Traurigkeit annimmt. 
Es ist ein Ausdruck von Gutmütigkeit und Schwärmerei in 
dem Blick, als ob dieser so recht seine Freud' hätt' an den 
Dingen um sich her, und doch wieder so weit, weit darüber 
hinausschweifen müßt' — ich weiß nicht, in welche Ferne ...“ 
Sie hatte den Kopf erhoben, und das volle braune Haar 
mit beiden Händen zurüchsreichend, schien sie selber in Träu⸗ 
merei verloren, wie der warme Schein des späten Sommer⸗ 
nachmittags sie umfloß. Zugleich verwundert und voll einer 
wahrhaft mütterlichen Zaͤrtlichkeit hingen die Blicke Frau 
Graͤndidiers an Bärbel. „Mädchen,“ fragte sie, „woher hast 
du das? Genau so, wie du sagst, war Eduard!“ 
„Weiß ich's?“ versetzte diese; „vielleicht vom Bilde selbst. 
Das aber, Vater, was dir fremd war in seinen Augen, das 
3 für welches du keinen Namen fandest, ich will 
dir sagen, was es ist. Es ist Licht vom Himmel — es ist die 
Seele des Künstlers!“ 
„Um Gottes willen,“ rief Frau Grandidier, „sprich das 
Wort nicht so laut aus.“ 
Die Tur hatte sich abermals geöffnet, und der alte Diener 
war eingetreten. Eben fand Frau Luise Dorothea noch Zeit, 
das Bild zu verbergen und den gelben Nähtisch zu schließen, 
der in all seinen dreißig Jahren nicht so unschuldig ausgesehen 
wie heute, wiewohl er in all der langen Zeit niemals mehr 
Grund zum Gegenteil gehabt hätte. 
Der Diener meldete den Professor Bwin und Frau 
nidier ließ ihn bitten, einzutreten. Aber Herr Glöcklin 
erhob sich. 
„Sie werden doch nicht gehen?“ fragte Frau Grandidier. 
„Doch,“ gab dieser zur Antwort. „Ich will noch einmal 
in die Fabrik hinüber, und außerdem — dieser Professor ist 
nicht mein Mann.“ 
„Ach,“ sagte die gutmütige Frau, „man gewöhnt sich an 
alles. Er ist so 'ne Art von Hausmöbel, und die schafft man 
schwer ab.“ Dabei warf sie einen mitleidigen Blick auf den 
gelben Nähtisch, als ob sie ihm zu verstehen geben wolle: 
Du brauchst dich auch nicht zu fürchten. 
„Doch ist ein Unterschied,“ erwiderte Herr Glöcklin, der 
in gewissen Dingen, wo es sich um ein Urteil handelte, auch 
hartnäckig sein konnte. „Alte Möbel können nur Schaden 
leiden; solche Menschen können aber auch Schaden stiften.“ 
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