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Erstes Buch Herrn und Frau Grandidiers größter Kummer

Full text: Die Grandidiers / Rodenberg, Julius (Public Domain)

Wappen und heraldischen Figuren umstrahlt, beständig in 
den Straßen herumfuhren. Denn wenn man Herrn Gran— 
didiers Versicherungen glauben durfte — woran kein Zweifel 
— so wurden seine Hüte von fast allen gekrönten Haͤuptern 
der Christenheit getragen, wenn diese sich's nämlich bequem 
machen und den Helm oder die Krone gegen eine leichtere 
Kopfbedeckung vertauschen wollten. 
Allein alles dies machte Herrn George Grandidier nicht 
übermütig; er freute sich, aber er prahlte nicht damit, oft 
nur sagte er: „Wenn das die Mutter erlebt hätte!“ Mit 
seinein zunehmenden Reichtum zeigte er sich einer soliden 
Entfaltung desselben nicht abgeneigt; aber für seine Person 
blieb er der einfache, nüchterne kleine Mann, der er immer 
gewesen, mit sehr wenig Bedürfnissen, außer demjenigen, 
rastlos tätig zu sein. 
Wenn man ihn in seinem Reiche sehen wollte, so mußte 
man sich in ein weitläufiges, altes, dunkles Gebäude begeben, 
welches zwischen einem anderen weitläufigen, alten und 
dunklen Gebäude in Neu-Kölln am Wasser stand, einer 
Gegend von Berlin, welche dem eleganten Leser wohl nur 
vom Hörensagen bekannt sein dürfte, wenngleich es in diesem 
ziemlich modernen Berlin eine höchst altertümlich-pittoreske 
und ganz abgesehen davon auch eine sehr gute Gegend ist, 
mit Wasser, Schiffen und Brücken, mit Drogenfabriken, Loh— 
gerbereien, Dampf-, Wasch- und chemischen Bleichanstalten, 
mit allem möglichen Lärm von — und Haspeln, und allen 
möglichen Gerüchen, die solchen Etablissements entströmen. 
Hier nun, in der besten Nachbarschaft, war die Fabrik 
des Herrn George Grandidier, ein Labyrinth von kleinen 
Höfen, schmalen Durchgängen, Treppen, numerierten Türen, 
vor denen fast überall „Verbotener Eingang stand, und 
zahllosen Fenstern, aus denen man nichts weiter sehen konnte 
als andere numerierte Türen und andere zahllose Fenster. 
Mit dem Wachstum des Geschäftes gleichen Schritt haltend, 
war auch dies Etablissement gewachsen, hatte gleichsam einen 
Zweig an den anderen gesetzt, ein Stockwerk auf das andere 
und einen Flügel hinter den anderen, bis es zuletzt einer 
kleinen winkeligen Stadt glich mit einem großen Schorn⸗ 
stein und einer Bevölkerung von etwa zweihundert Arbeitern. 
Den eigentlichen Kern des ganzen Komplexes, 
ursprünglichen und ältesten Teil indessen bildete das Wohn⸗ 
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