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Zweites Buch Die Fremden

Full text: Die Grandidiers / Rodenberg, Julius (Public Domain)

Madame Helene ...“ sagte er. Sie schlug den Schleier 
zurück und legte den Finger an die Lippe, als ob sie ihm be— 
deuten wolle, nicht mehr zu sagen. Es war ein bleiches, 
ovales Gesicht, ganz deutsch in seinem Ausdruck und seiner 
Färbung und seinen Zügen, sanft und blond, das Ebenbild 
des Vaters. Sie stützte sich auf den dargebotenen Arm, und 
Herr Grandidier hob die leichte Last heraus. In diesem 
Augenblick ward die gegenüberstehende Gaslaterne ent— 
zündet und ihr voller Schein fiel auf eine Mädchengestalt 
in der Türe des Wagens. Sie stand da wie in dem Rahmen 
eines Bildes, in voller Beleuchtung, und Herr Grandidier, 
als er sie zuerst wahrnahm, ward so erschreckt, daß er unwill⸗ 
kürlich einen Schritt zurückwich. Sie war faft noch ein Kind 
von sechzehn oder siebzehn Jahren und machte, wiewohl für 
ihr zartes Alter ungewöhnlich entwickelt, einen kindlichen 
Eindruck. Ihre Gesichtsfarbe war die bräunliche des Südens, 
ihr Auge voll Feuer, ihre Gestalt fein, biegsam, überaus 
anmutig in der geringsten Bewegung. Man konnte sie, 
nach ihrem Aussehen, nur für eine Französin halten. Herr 
Grandidier wandte den Blick nicht von ihr ab. „Rose 5..“ 
rief er leise, wie in einem Traum befangen. Glöcklin hatte ihn 
gehört. Er lächelte schmerzlich. 
„Sie heißt Bärbel,“ sagte er, „meine zweite Tochter.“ 
Sie stieg aus und hinter ihr ließ sich ein munterer Knabe von 
fünf oder höchstens sechs Jahren sehen, nett gekleidet, wie 
ein kleiner Pariser, in einem Röckchen von violettem Samt, 
mit Knickerbockerhöschen, Strümpfen und Schuhen. 
„Nous v'là, Maman?“ fragte er, indem er die Händchen, 
die mit hübschen kleinen Handschuhen bedeckt waren, nach 
der älteren von den beiden Damen, der in Schwarz, ausstreckte. 
„Sprich Deutsch,“ ermahnte der Großvater ihn, „sprich 
Deutsch; wir sind jetzt in Berlin. — Oh,“ wandte er sich 
hierauf an Herrn Grandidier, „er spricht recht gut Deuisch, 
unser lleiner George.“ 
„Dytsch,“ rief Bärbel lachend, indem sie den kleinen 
Burschen aus dem Wagen hob. Es tat einem gut, sie lachen 
zu hören; und sie lachie gern und oft und zeigte jedesmal 
dabei ein paar Reihen allerliebster Zähne unter den leicht 
aufgeworfenen Lippen. 
„Also du heißest George?“ fragte Herr Grandidier, indem 
er sich zu dem Kleinen niederbeugte. 
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