Path:
Erstes Buch Der Oberst in seiner Häuslichkeit

Full text: Die Grandidiers / Rodenberg, Julius (Public Domain)

auf seinem blechernen Geschirr herum und sang dazu mit 
lauter Stimme das Lied: „Frei wie des Adlers mächtiges 
Gefieder.“ Denn der Blechschmied war ein junger Mann 
und ein lustiger Mann, sein eigener Meister und Gesell, und 
obendrein ein Turner und ein Sänger. 
So war es denn in der Tat keine leichte Sache, Einlaß 
in das Haus zu erlangen, neune von zehn kehrten immer um. 
Das aber war es besonders, was dem Obersten sein kleines 
Haus wert machte. 
Es war übrigens nicht das Haus des Obersten. Es war 
auch nicht das Haus des Blechschmieds. Außer diesen beiden 
wohnte noch ein Mann und eine Frau darin, von welchen 
es jedoch schwer gewesen sein würde, zu sagen, welchen be⸗ 
sonderen Raum sie bewohnten. Es war immer dunkel in dem 
kleinen Haus, selbst an den heitersten Sommertagen; und 
immer, irgendwo aus dem Dunkel, kam der Mann oder die 
Frau heraus. Er hieß Herr Brandt und sie hieß Frau Brandt. 
Sie war eine kleine, dunkle, bewegliche Person mit dem 
harten Akzent unserer östlichen Provinzen. Er war ein 
großer, schwerfälliger Mann mit einem schwärzlichen Ge⸗— 
sicht, trug für beständig grüne Pantoffeln, sprach niemals, 
sondern gähnte nur. Er war ein Maurer von Profession, 
aber er machte keinen Gebrauch davon. „Ach!“ sagte Frau 
Brandt, „es ist uns nicht an der Wiege gesungen worden, 
aber das Schicksal, mein Herr, das Schicksals“ Sie behauptete 
nämlich, eine Polin von vornehmer Familie zu sein, und ihr 
Mann fei Euisbesitzer gewesen. Sie hätten aber Unglück 
gehabt, ihr Gut verkaufen müssen und seien dann nach Berlin 
gekommen. Den merkwürdigen Prozeß, durch welchen ihr 
Mann aus einem Gutsbesitzer ein Maurer geworden, er⸗ 
eriehe nicht näher; doch gehörte das auch nicht zur Sache. 
Kein Mensch hatte ihn jemals mauern sehen, kein Mensch 
hatte ihn überhaupt jemals anders gesehen als in grünen 
Pantoffeln, in dem Dunkel hinter der hölzernen Treppe, 
welche aus dem Flur nach dem ersten Stock hinaufführte. 
Selten kam er zum Vorschein, obwohl er immer zu Hause 
war; wenn er sich aber einmal blicken ließ, in der unbestimmten 
Form, welche die Dämmerung ihm erlaubte, groß, plump 
und unbeholfen, so reckte und streckte er sich wie ein Mann, 
der mitten in der Nacht aus dem Schlafe geweckt worden ist. 
Auch hatte er immer Federn in den Haaren. 
36
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.