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Von Bürgern und Kindern

Full text: Sittengeschichte Berlins / Ostwald, Hans (Public Domain)

Sie gehen an den Dingen vorbei, nehmen sie mit 
den Augen auf, aber ins Gemuͤt und in den Geist ge— 
langt dabei nur wenig. Kirschen sehen sie wohl, 
wissen auch, wie sie schmecken. Aber wie ein bluͤhender 
Kirschbaum aussieht, davon wissen sie nichts. 
So bleibt denn auch das Gemuͤt der Kinder meist 
leer und ungepflegt. Im besten Falle kommen sie zu 
jener Gewitztheit, die ja in dem Weltstadtleben ganz 
angebracht ist, die aber doch nur wenig Liebe erweckt. 
Sie wird sehr gut illustriert durch den Witz: Mehrere 
Kinder einer armen Familie kommen heim zur Mutter 
und legen der eine gestohlene Gans auf den Tisch: „Da 
Mutta — die fuͤhlte sich so einsam — da haben wir se 
nitgenommen!“ 
Zu all diesem kommt noch die sich immer mehr 88gi ile 
vollziehende Trennung der Klassen. Die Reichen 
ziehen immer mehr nach gewissen Straßen des Westens und nach boe— 
stimmten auserwaͤhlten Vororten. Die Wohlhabenden und der gut ver— 
dienende Mittelstand draͤngen sich in den großen Wohnvierteln von W.-W. 
zusammen. So bleiben denn die niederen Klassen in gewissen Vierteln 
ganz unter sich — wodurch die Einseitigkeit der Kindheitseindruͤcke immer 
groͤßer wird. Auch von der Arbeit sehen die Weltstadtkinder nicht jene 
befruchtende Vielheit, wie Kleinstadt- und Dorfkinder. Fuͤr sie existiert 
nur die geisttoͤtende Heimarbeit. Und wenn sie außerdem auf der Straße 
noch Eindruͤcke erhaschen, so sind es Luxusreize: das Auto des Großhaͤndlers, 
die Auslagen der Juweliere und Modegeschaͤfte, Stiefelhandlungen und 
Warenhaͤuser. 
Alles das und nicht viel mehr bekommen die Kinder des kleinen Mittel— 
standes zu sehen: die besser gestellten Arbeiter, der Buchdrucker, Mechaniker, 
der Bureauangestellten und Tausenden von Beamten und der kleinen Ge— 
schaͤftsleute. Auch sie wohnen in diesen Zimmern, in die so selten die 
liebe Sonne hineinscheint. Ja, die Kinder der Geschaͤftsleute haben es 
noch schlechter. Denn bei den Laͤden befinden sich nur zu oft die engsten 
und beschraͤnktesten, dumpfigsten Wohnraͤume. Vor allem aber, was sehen 
alle diese Gastwirtskinder! Was hoͤren sie! Denn daß der Alkohol die 
besten Instinkte loͤst, wird niemand glauben. Und in den Berliner 
Destillen wird nicht die zarteste und gemuͤtvollste Sprache gesprochen ... 
Wenn nun in das Leben der Kinder dieser Schichten, deren Lebenshaltung 
zwischen der proletarischen und der buͤrgerlichen steht, manchmal ein Licht— 
blick faͤlt — es kommt doch im Effekt beinahe auf das gleiche heraus, wie 
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