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Von Bürgern und Kindern

Full text: Sittengeschichte Berlins / Ostwald, Hans (Public Domain)

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Chodowiecki: Kinder um 1775 
Die Kindheit unserer Vorfahren verlief zwar noch nicht unter dem 
gluͤcklichen Stern des Jahrhundert des Kindes. Noch manche von unsern 
Eltern mußten ihre Eltern mit dem ehrerbietigen „Sie“ anreden. Eine 
solche enge Kameradschaftlichkeit wie sie heute oft zwischen Vaͤtern und 
Soͤhnen, Muͤttern und Toͤchtern vorhanden ist, wird es gewiß auch schon hier 
und da gegeben haben. Sie liegt eben in der menschlichen Natur, in dem 
Beduͤrfnis, sich anzulehnen und nicht allein zu stehen. Aber sie war nicht so ins 
Bewußtsein des Volkes eingedrungen wie heute. Der Vater galt vor allem 
den Kindern als der gestrenge Hausherr, als der oberste Richter. Die Muͤtter 
— nun, die Muͤtter waren natuͤrlich stets verliebt in ihre Kinder; sie waren 
stets zaͤrtlich mit ihnen und verstanden die kleinen Geschoͤpfe besser, als der 
Vater. Und die kleinen Wesen, die ja soviel Zaͤrtlichkeit brauchen, wußten 
denn auch damals schon das schwache Herz der Mutter zu ihrem Vorteil aus— 
zunutzen. 
Eine der schoͤnsten Unterhaltungen, die Kindern geboten werden koͤnnen, 
ist auch heute noch das Geschichtenvorlesen und Maͤrchenerzaͤhlen. In diesen 
guten Dingen waren viele unserer Urmuͤtter wohlgeuͤbt und erfahren. Abends 
in der Schummerstunde setzten sie sich auf einen Stuhl. Die kleine Gesellschaft 
auf Baͤnken und kleinen Stuͤhlen rings herum — still — lauschend — mit 
glaͤnzenden, erwartungsvollen Augen. Und nun floß es von den Lippen: 
kleine lehrhafte Fabeln von Gellert, alte Volkssagen von der boͤsen Hexe und 
dem Knusperhaͤuschen, Teufelsgeschichten und Maͤrchen von Haͤnsel und Grete 
und dem Rotkaͤppchen. Und war eine Erzaͤhlung so recht schoͤn gewesen und 
den Kleinen so recht ins Herz gegangen, dann umarmte wohl ein begeistertes 
Buͤrschchen in Dankbarkeit die Erzaͤhlerin und gab ihr seinen kindlichen Kuß. 
Chodowiecki hat eine solche Szene mit seinem liebenswuͤrdigen Stift aus der 
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