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Von Bürgern und Kindern

Full text: Sittengeschichte Berlins / Ostwald, Hans (Public Domain)

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haltung gewuͤrzt wird, ist das alles beneidens— 
wert. Wo aber die nuͤchterne Sparsamkeit 
und geistige Leerheit sich blaͤhen, da wird dann 
wohl die Unterhaltung aus großstaͤdtischen 
Klatschblaͤttern bezogen — die organisierte 
kleinstaͤdtische Topfguckerei. 
In den gleichen Kreisen aber wachsen 
auch die jungen Maͤdchen auf, denen der Ge— 
danke an den Mann und an die Ehe nicht mehr 
der Drehpunkt aller Empfindungen ist. Über— 
all dringen sie ein und pochen an alle ver— 
schlossenen Tuͤren des Lebens. Einst war das 
Reformkleid ihr Zeichen. Heute erkennen sie 
einander an der aparten Frisur, an den Zopf— 
schnecken uͤber dem Ohr. Von ihnen und den 
geistig Verwandten, die sich stets fuͤr die 
neuesten Dichter interessieren, gilt, was Alberta 
von Puttkammer sagte: „Es ist wie ein For— 
men- und Farbenwunder, das sich da vollzogen 
hat ... Es ist ganz erstaunlich, wie fein das 
Stilgefuͤhl fuͤr den Rahmen der eignen Persoͤn— 
lichkeit (Kleider, Haartracht usw.) sich da ent— 
wickelt zeigt.“ 
Das sind oft die Eroberernaturen, wie sie in die neue Weltstadt kommen, 
die ja nicht nur Hilfsbeduͤrftigen und Goscheiterten als letzte Zuflucht gilt. 
Sie sind ebenso oft tuͤchtige Eigene, wie Familienmuͤtter und Geschaͤftsfrauen, 
die in den Laͤden und Werkstuben das Ganze machen. Hier findet man wahre 
Muster von Geduld und Fleiß. Sie wohnen zwar nicht in Berlin W. mit 
Fahrstuhl, Warm- und Kaltwasser, Luftheizung, elektrisch Licht, haben keine 
Diele in orientalisch, friesisch oder Moͤbelhaͤndler-Geschmack, gehen nicht 
jeden Tag ins K. d. W. oder zu Wertheim, besuchen keinen Jour, keinen Klub, 
machen keine Hochzeitsreise nach Italien oder nach Paris, schließen ihre Ehen 
nicht nach Mitgiftgroͤße durch Schadchen, wie das Edmund Edel einmal recht 
drastisch alles ausgeplaudert hat — und sie sind doch gute Buͤrgerinnen, die 
weder egoistischen Modepuppen, noch beschraͤnkten Hausglucken gleichen, die 
eine gluͤckliche Mischung von Haͤuslichkeit und Weltlichkeit besitzen und das 
Gluͤck der Besten bedeuten. Bei ihnen trifft man sich heute noch ab und zu 
abends zur „Stulle“, zum belegten Butterbrot und zum Glase Bier — oder 
kommt auch oft nach dem Abendbrot zusammen, um bei einer Zigarre ein 
Stuͤndchen geistvoll und lustig zu verplaudern. 
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