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Von Bürgern und Kindern

Full text: Sittengeschichte Berlins / Ostwald, Hans (Public Domain)

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Buͤrgerhaͤusern lebt oft noch zarte Herzlichkeit, feine Aufmerksamkeit, die 
reichlich, doch nicht uͤppig gibt, nicht komisch noͤtigt, und ein frohes, geist— 
bolles Beisammensein liebt. Ihm ist auch oft ein leichter Flirt beigemischt, 
der den im Alltag und Beruf Gefangenen gar oft aus seiner harten Enge 
lockt und alle Faͤhigkeiten, die sonst in ihm schlummern, hinaus fuͤhrt. Solche 
zemeinschaftlichen Vergnuͤgungen sind geradezu ein Heilmittel fuͤr Überan— 
strengte und Ermuͤdete. In solchen Kreisen wird die Hausfrau auch oft das 
Beste erreichen durch ein leichtes Sichgehenlassen und durch ein Improvisieren, 
das die Kameradschaftlichkeit zwischen den Gaͤsten foͤrdert. Allerdings sind 
es nicht mehr wie einst die Professorenkreise, die den groͤßeren Wert auf 
das Geistige legen. Sie geben heute ihre Abendgesellschaften so uͤppig wie 
die reichen Unternehmer. 
Vornehmer sind die Feste in den Kuͤnstlerkreisen. Oft sind auch sie sehr 
uͤppig und gar zu sehr aufs Dekorative gestimmt, auf Prunk und Pracht, wie 
in den Kreisen der Sezession, wo die Damen fuͤr einen Abend Kostuͤmgelder 
von mehreren hundert Mark gebrauchen und die Kommerzienraͤtinnen herum— 
gehen: „Was is nu los?“ 
Harmlose, ungezwungene Geselligkeit erwaͤrmt jene, die intimere Feste 
mitfeiern, wie die Bauernfeste des Baumeisters 
Rossius vom Rhyn, dessen breiter und unverwuͤstlicher 
Humor allerdings nicht immer was fuͤr zarte Nerven 
ist, der aber auch unter den buͤrgerlichen Frauen 
geschaͤtzt wird — gerade so wie seine gut buͤrger— 
lichen und gemuͤtlichen Landhaͤuser. Die Architekten 
spielen uͤberhaupt jetzt im buͤrgerlichen Leben Berlins 
eine bedeutende Rolle. Sie erbauen die vielen Land— 
hausvororte, wohin besonders die buͤrgerlichen Familien 
oor dem Trubel der Weltstadt fliehen. Andere 
arrangieren schoͤne Feste, wie Biberfeld, der Erbauer 
der Komischen Oper, der aus nuͤchternen Hallen 
famose Platzwirkungen und praͤchtige Parkanlagen 
schuf auf der Redoute Friedrich II. 
Um den Kindern frische Luft und Auslauf zu 
geben, verzichten tausende von Muͤttern auf viele 
Großstadtgenuͤsse, fragen nichts nach den großen Festen, 
nach dem offiziellen Presseball mit den ordenge— 
schmuͤckten Groͤßen aus allen Kreisen, fragen nichts 
nach dem wilden „Boͤsen Buben-Ball“, nach dem großen 
Blumenfest in den Ausstellungshallen, wo hunderte 
von jungen Maͤdchen aus der Gosellschaft solche
	        
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