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Von Bürgern und Kindern

Full text: Sittengeschichte Berlins / Ostwald, Hans (Public Domain)

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Aber auch sie waren dem Außerlichen der Zeit unterworfen, und unterwarfen 
sich dem Rokoko des zweiten franzoͤsischen Kaiserreichs. In diesen Kreisen 
wurden allerlei Bestrebungen gepflegt. So konnte sich 1869 ein Anonymus 
uͤber den Bildungstrieb der Berliner mokieren, der sich z. B. auch in einem 
„Verein zur Hebung des deutschen Dramas“ betaͤtigt haben soll. Ein paar 
kritisch aussehende aͤltliche Damen mit scharfen Gesichtszuͤgen; juͤngere des— 
selben Geschlechts, sehr blaß, sehr gelockt und blau bebrillt, sollen neben einigen 
professorlichen Herren in Arnims Hotel getagt haben — um die Vorlesung 
irgendeines Jambendramas uͤber sich ergehen zu lassen. 
Kossack, ein bekannter Journalist jener Tage, machte sich auch uͤber die 
Berlinerinnen weidlich her. Kossack brachte uͤberhaupt manche fadenscheinige 
Stelle der Berliner Buͤrgerfamilie zum Vorschein. Er machte sich daruͤber 
lustig, daß die Hausbibliothek nur aus den Klassikern, aus einem alten Konver— 
sationslexikon und einigen Baͤndchen lyrischer Gedichte bestand, die nach dem 
Weihnachtstisch und nach dem Parfuͤm irgendeines fruͤheren schwaͤrmerischen 
Verehrers der Frau vom Hause rochen. Die ganze schoͤngeistige Literatur 
ging nur im schaͤbigen Gewand der Leihbibliothek durch den Familienkreis. 
Und von den Gaͤrten, die bei den Haͤusern lagen, oder in denen Stadtlokale 
aufgeschlagen waren, konnte auch damals schon gesagt werden: „Fritze, trag' 
den Garten raus“. Sie bestanden meist nur aus einem Hofraum, in dem 
einige Levkoien und Oleander die ganze Flora vorstellten. Die reichen Bewohner 
der oberen Wilhelmstraße und des Tiergartenviertels hatten allerdings aus— 
gedehnte Gartenanlagen zur Verfuͤgung. Aber sie gehoͤrten ja nicht zur Masse 
des Buͤrgertums, die sich mit solchen jaͤmmerlichen Stadtgaͤrten begnuͤgen 
mußte und die schon damals anfing, den altvaͤterischen Weißbierkneipen 
den Ruͤcken zu kehren. 
Kossak kritisierte auch um 1860 die beinahe zahllosen, hoͤchst geputzten 
Frauenzimmer, die in der Mittagsstunde mit einer foͤrmlich geschaͤftsmaͤßigen 
Hast die Straßen Berlins durchschweiften und mit ihren steifen weiten Roͤcken 
die Fußpfade verengerten. Er schrieb: Verfolgt man einen Schwarm dieser 
Damen, so entdeckt man sehr bald, daß sie einige der besuchtesten Modewaren— 
magazine aufsuchen, nach etwa einstuͤndigem Aufenthalt aber wieder auf der 
Straße erscheinen und nach allen Richtungen verstaͤuben. Sie machen jetzt 
das, was der Sprachgebrauch „Visite“ nennt, d. h. sie laufen von einem Hause 
ihrer Bekanntschaft zum andern, aͤußern eine lebhafte Freude, die teure 
Freundin und ihre lieben Kleinen wiederzusehen, empfangen eine Menge 
aͤhnlicher Versicherungen und entfernen sich so geraͤuschvoll wie moͤglich. — 
Diese Art weiblicher Voͤlkerwanderung findet jedoch nicht nur allein an 
Herbsttagen statt, sondern wiederholt sich vielmehr an jedem schoͤnen und 
warmen Tage. .. In jener Zeit scheint das Visitemachen sehr uͤberhand
	        
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