Path:
Von Bürgern und Kindern

Full text: Sittengeschichte Berlins / Ostwald, Hans (Public Domain)

sie waͤre Spionin und Spitzel gewesen. Ob das stimmtae, ist noch die Frage: 
Gerade in den gebildeten Buͤrgerfamilien gaͤrte es am meisten. Die konnten 
die Verhaͤltnisse am weitesten uͤberschauen und empfanden alle Vorgaͤnge 
am heftigsten. 
Aber viele, die im Vormaͤrz revolutionaͤr gewesen, wurden nach den Maͤrz⸗ 
tagen pietistisch und bigott. Die Schrecken der Umwaͤlzungen und der folgende 
Druck der Reaktion hatte das besitzende Buͤrgertum aͤngstlich gemacht. Blieben 
auch die Maͤnner noch in der Opposition — fortschrittlich — konstitutionell —, 
die Frauen ließen sich von dem forschen Auftreten der anderen Gruppen er— 
schrecken und auch imponieren. Eine gewisse froͤmmelnde Weltanschauung 
gewann die Oberhand. Zum guten Ton gehoͤrte es, recht schuͤchtern und 
schamhaft zu erscheinen. Wer ehrlich, offen und temperamentvoll auftrat, 
galt fuͤr emanzipiert. Und .. redende Emanzipierte wurden verachtet. 
Und doch meldete sich auch hier von selbst eine neue Zeit. Die Frauen 
kamen von selbst in die Offentlichkeit. Zuerst eroberten sie als Virtuosinnen 
den Konzertsaal. Das war bis dahin auch nicht dagewesen. Die Frau, aus— 
uͤbend im Konzertsaal. Das war die intelligente Frau. Die minder intelligente 
war ja schon laͤngst auf dem Podium heimisch: die Ballettaͤnzerin. Das 
Ballet war in diesen reaktionaͤren Jahrzehnten von großer Bedeutung. Von 
1850 an wirkte Paul Taglioni an der Hofoper. Unter seiner Direktion er— 
reichten die Buͤhnentricks, die glaͤnzend ausgestatteten Massengruppierungen 
einen ungeahnten Hoͤhepunkt. Von der besonderen Huld Wilhelm J. be— 
— 
ballet schaffen, in dem die Taͤnzerinnen mit ihren Fußspitzentrillern und Tanz— 
arabesken die feinere Tanzmimik von der Buͤhne jagten. Allerlei virtuose 
Kunststuͤcke, in kurzen Roͤckchen getanzt, fanden den groͤßten Beifall der 
Theaterbesucher. Manche Ballets erreichten an dreihundert Auffuͤhrungen. 
So konnte jene Anekdote entstehen: Rudolf von Gottschall wurde einer 
Berliner Hofdame als Dichter von Pitt und Fox vorgestellt. Sie gratulierte 
ihm zum Erfolg seines reizenden Ballets „Flick und Flock“. — Auch in der 
Theaterliteratur sprach sich der verminderte Geschmack aus. Neben Gutzkow, 
Laube und Freytag, die eine moderne Richtung bedeuteten, wurde die ruͤhr— 
selige und unwahre Birch-Pfeiffer mit Begeisterung empfangen. Trotzdem 
die Berliner gewiß nicht ruͤhrselig sind — im Theater ließen sie sich von der 
zeitgemaͤßen Ruͤhrseligkeit fangen. Nur Hebbels „Nibelungen“ und Brach— 
vogels „Narciß“ konnten es zu einem staͤrkeren Erfolg bringen. 
Was der Literatur entzogen wurde, kam den Schaͤuspielern zugute. 
Die Berliner waren um die Mitte des Jahrhunderts alle durchaus begeistert 
fuͤr die großen Talente, die am Gendarmenmarkt sich zusammengefunden 
—
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.