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Von Bürgern und Kindern

Full text: Sittengeschichte Berlins / Ostwald, Hans (Public Domain)

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Thuͤringen und Muscheln von der Kuͤste. — Noch groͤßere Einfachheit 
muß in den nicht sehr bemittelten Gelehrtenkreisen zu Hause gewesen 
sein. Paul Heyse, dessen Vater bekanntlich Professor an der Berliner 
Universitaͤt war, berichtet, daß man in den Jahren seiner Kindheit 
nichts von einer kuͤnstlerischen Ausstattung in den gebildeten Buͤrger— 
haͤusern gewußt habe. Niemand fiel es ein, die Einrichtung der Heyseschen 
Wohnung in der Behrenstraße mit alten Mahagonimoͤbeln und einem winzigen 
Teppich vor dem schwerfaͤlligen Sofa spießbuͤrgerlich zu finden. Die Bilder 
an den Waͤnden waren Familienportraͤts, die von der Mutter mitgebracht 
worden waren. Einige Kupferstiche, kolorierte Schweizerlandschaften und 
eine Menge jener reizenden Miniaturbildchen auf Elfenbein verdeckten die 
Waͤnde. Nur im Arbeitszimmer des Professors hingen einige wertvollere 
Olgemaͤlde, vor dem Spiegel standen auf einem niederen Schraͤnkchen Rauchs 
Gipsstatuetten von Goethe und Wilhelm von Humboldt, oben auf dem Pult 
die lebensgroße Buͤste Hegels; ein großes Portraͤt F. A. Wolfs hing an 
der letzten freien Wand, waͤhrend die ganze lange Wand gegenuͤber von der 
wissenschaftlichen Bibliothek ausgefuͤllt wurde. 
Die Raͤume der Heyseschen Wohnung muͤssen sehr begrenzt gewesen 
sein. Denn wenn im Wohnzimmer die Frau Professor mit ihren Kindern 
spielte und sich auf dem Sofa mit ihnen herumbalgte, wurde der Professor 
in seinem Arbeitszimmer vom Laͤrm aufgestoͤrt. Und dennoch muß in solchen 
einfachen Raͤumen ein froͤhlicher, schoͤner und munterer Lebensgeist gewaltet 
haben. Die damaligen Kulturgroͤßen wußten, daß es auf das Außere nicht 
ankam. Ihnen und ihren Frauen waren der Geist und das Leben, die in 
ihren Raͤumen herrschten, das Wesentliche. Und die waren nicht die geringsten 
und gewoͤhnlichsten. In der Mansarde des Geheimrats Kugler verkehrten 
allerlei Gelehrte und Kuͤnstler, wie Jakob Burckhardt (Basel), Felix Dahn, 
Roquette, Storm, Heyse, Fontane und viele andere. Franz Kugler wohnte 
in einem Hause der Friedrichstraße unweit vom Belleallianceplatz. Er war 
mit der juͤngsten Tochter des Kammergerichtsrats Hitzig verheiratet, einer 
vielumworbenen und vielbesungenen Schoͤnheit, an die, wie Fontane berichtet, 
viele Gedichte mancher lyrischen Groͤßen des Vormaͤrz und auch spaͤterer 
Jahre gerichtet waren. Mit ihrer Liebenswuͤrdigkeit verband sie einen feinen 
Geschmack, der ihr die seltene Faͤhigkeit gab, aus den sehr einfachen Zimmern 
anheimelnde Raͤume zu schaffen. Da wo die weit vorspringenden Mansarden— 
fenster ohnehin schon kleine lauschige Winkel schufen, waren Efeuwaͤnde auf— 
gestellt, die, sich rechtwinklig bis mitten in die Stube schiebend, das große 
Zimmer in drei — vier Teile gliederten, die einen ungemein freundlichen 
Eindruck machten. In solchen schlichten Wohnraͤumen konnte eine heitere 
anspruchslose Geselligkeit selbst dem Alltag das Alltaͤgliche nehmen. Abends
	        
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