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Von Bürgern und Kindern

Full text: Sittengeschichte Berlins / Ostwald, Hans (Public Domain)

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auch alle moͤglichen jungen Maͤdchen mit— 
wirkten; manche von ihnen soll so hervor— 
ragend musikalisch begabt gewesen sein, 
daß sie mit jeder Primadonna es haͤtte 
aufnehmen koͤnnen. Die vielen nach den 
Franzosenkriegen aufkommenden Volks— 
lieder wurden mit ebenso großem Eindruck 
von den jungen Maͤdchen gesungen wie 
die Lieder Beethovens. Außerdem wurde 
von den jungen Leuten auch im Hause 
Theater gespielt — leichte kleine Ware, zu 
der sich aber doch oft ein auserlesenes 
Publikum zusammenfand: Tiedge, Schinkel, 
Rauch und andre Notabilitaͤten.“ 
Dieser herzlichen, schlichten Gesellig— 
keit, die dem ganzen Buͤrgertum, ja, der 
neuen Zeit uͤberhaupt, Licht und Freude 
gab, entsprachen auch die Wohnraͤume 
mit ihrer schlichten und lieblichen biedermeierischen Ausschmuͤckung. 
Ganz anders als im 18. Jahrhundert sah es in den Wohnraͤumen 
des Buͤrgertums aus, als das Empire mit seinen strengen Linien das uͤppige 
Barock verdraͤngt hatte, und als nach den großen Kriegen die große Armut 
das Schlichte und Liebliche des Biedermeiertums beguͤnstigte. (S. 441.) 
Buffets, Anrichten und Speisezimmer von der heute uͤblichen Groͤße 
waren gaͤnzlich unbekannte Dinge. Selbst wohlsituierte Buͤrger wie die 
Eltern von Felix Eberty kannten als Eßraum nur die große Wohnstube, in 
der die Hausfrau ihr Reich aufgeschlagen hatte. Nur bei seltenen Gelegen— 
heiten wurde die „gute Stube“, die „Putzstube“ als feiertaͤglicher Speisesaal 
benutzt. Schokolade, Leckerbissen, ja selbst der Zucker wurden in den Pfeiler— 
spindchen oder Spiegelschraͤnken der Wohnstube aufbewahrt. Die Frauen 
saßen, wenn sie nicht Staub wischten oder an ihrem kleinen Schreibtisch 
Rechnungen ordneten, mit einer Handarbeit am Fenster — oft auf einem 
erhoͤhten Tritt. (S. 448.) 
In der Putzstube waren die besten Moͤbel und Geraͤte aufgestellt und 
gewoͤhnlich gegen Rauch und Staub mit Leinwandhuͤllen geschuͤtzt. Das 
war das, was man im heutigen Berlin die „kalte Pracht“ und auch Salon 
nennt. In solcher Putzstube durfte die Servante nicht fehlen, ein Glasschrank, 
in dem auf verschiedenen Etagen blitzendes Silbergeschirr, buntbemalte oder 
echtvergoldete Porzellantassen und allerlei Reiseerinnerungen aufgestellt 
waren: Boͤhmische geschliffene Glaͤser aus Rotfluß, Holzschnitzereien aus
	        
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