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Von Bürgern und Kindern

Full text: Sittengeschichte Berlins / Ostwald, Hans (Public Domain)

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der nichtswuͤrdigen Buben findest. Wer gab 
ihr Gelegenheit, wer weihte sie ein in die 
satanischen Kuͤnste der Buhlerei? Wer anders 
als die Mutter, die schamlose Gauklerin“. 
Der ruͤcksichtslose Sittenprediger hat hier 
bestimmt zu schwarz gemalt. Gerade in den 
Buͤrgerkreisen Berlins hielt sich eine ange— 
nehme, sittenstrenge Einfachheit, die von 
Chodowiecki mehrmals geschildert wurde. 
Saßen hier und da Maͤnner und Frauen 
abends zusammen und lachten uͤber die derben 
Scherze, die vorgelesen wurden, so gab es 
doch viele Familien, in denen solche abend— 
lichen Vorlesungen wirklich der Belehrung 
und der gesitteten, nicht ganz geistlosen 
Unterhaltung dienten. Und die Lust zum 
Spazieren im Freien war gewiß ein ge— 
sunder Trieb. Die Buͤrgertoͤchter, die gern 
am Doͤnhoffplatz herumspazierten, lustwan— 
delten auch ebenso gern am Weidendamm, 
der im 18. Jahrhundert noch hinter Gaͤrten entlang fuͤhrte, an dessen 
Ufern Weidengaͤrten und von dem es koͤstliche Blicke in den Garten vom 
Schloß Monbijou und seiner Nachbarn gab. Der Sinn fuͤr die Natur war 
oiel zu stark, als daß jene Verderbtheit, von der am Ende des 18. Jahrhunderts 
so oft gesprochen wurde, tiefer haͤtte eingedrungen sein koͤnnen. Wohl priesen 
Zahnaͤrzte — die Zahntinkturen verkauften, die in einem Augenblick alle 
Zahnschmerzen vertrieben, ohne Mund und Zahn anzuruͤhren — Waschwasser 
an fuͤr „Maͤngel im Angesicht“, fuͤr „Muttermale und Leberflecke“; sie ließen 
sich auch eine Kugel abkaufen, welche die Eigenschaft hatte, „Haare wachsend 
zu machen und auch wegzubringen, wo sie nicht noͤthig seyn“. Beliebt war 
auch ein Teig, der schoͤne weiße Haͤnde machte. Und eine „Essenz, die alte 
haͤßliche Weiblein wieder jung und schoͤn machte“, wurde auch in Inseraten 
und Plakaten angepriesen. Das mag ja wohl darauf hinweisen, daß es 
recht viele eitle und vertrauensselige Frauen im alten Berlin gab. Aber 
auch heute finden solche Wunderdoktoren noch ihr Brot und ihren Reichtum 
durch den Glauben der Frauen an Mittel, die alle Haare von falschen Stellen 
entfernen, die jede Altersrunzel wieder anfuͤllen mit rosiger Jugendglaͤtte und 
eine uͤppige und volle Buͤste hervorzaubern. 
Nicht nur uͤber die Eitelkeiten wurde berichtet. Manch Reisender 
hatte auch einen andern Eindruck. Rumpf meinte 1786 in seinem Neuesten 
Abendunterhaltung. Scherzvorlesung
	        
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