Path:
Von Bürgern und Kindern

Full text: Sittengeschichte Berlins / Ostwald, Hans (Public Domain)

— 434 
Auch der gesellige Verkehr der Buͤrger nur in den Familien hatte noch 
viel Vernuͤnftigkeit. In befreundeten Familien wurden die Freundinnen 
der Schwester und die Kameraden des Bruders Hausgenossen. Nicht nur beim 
Pfaͤnderspiel kuͤßte man sich und umhalste sich. Diese Vertraulichkeit brachte 
eine heitere Sinnlichkeit in die Jugend, die durch solche Beziehungen eine 
gewisse dreiste Unbefangenheit erwarb. Aus solchen Verhaͤltnissen wuchs 
selten eine große Leidenschaft auf, die Poesie verglomm und die Heirat 
wurde mehr ein Geschaͤft. Der Haushalt der Buͤrger brauchte eine tuͤchtige 
Frau. Und die Frau suchte die Ehe wie eine Stellung, wie ein Amt, das 
mit Pflichttreue zu verwalten und nicht nach den Einfaͤllen gaukelnder Phan— 
tasie zu besetzen sei. Die Frauen waren einfach, schlicht, klar, innig, fest, 
kurz entschlossen, gute Hausfrauen — und hatten auch einige Sinnlichkeit. 
Sie wurden die Ahnfrauen unserer bedeutenden Maͤnner, die dem deutschen 
Leben neuen Inhalt, neue Hoͤhen, neue Bedeutung gaben. Die Lebens— 
fuͤhrung der vornehmen Welt faͤrbte natuͤrlich auf die minder bemittelte ab. 
Auch in den Buͤrgerhaͤusern schliefen die Frauen in Himmelbetten, die aller— 
dings nicht immer mit seidenen Vorhaͤngen geschmuͤckt waren. Zum min— 
desten waren die Alkoven, in denen die Ehebetten standen, mit Kattunvor— 
haͤngen verhuͤllt. Die Kommoden in den Putzstuben waren schon einfacher. 
Auf den Schraͤnken gabs weniger Beschlaͤge und an den Waͤnden anstatt 
der Bilder Kupferstiche. Einzelne Porzellanstuͤcke fehlten wohl auch in den 
besseren Buͤrgerfamilien nicht, ebensowenig wie die damals modischen Nuß— 
baummoͤbel mit geschweiften Blaͤttern und gebogenen Fuͤßen, zwischen denen 
wohl oft schon ein Schreibbuͤro zu finden war. 
Wenn auch die Mittel nicht immer zur Beschaffung der neuesten Pariser 
Mode reichten — so wollte doch auch die Buͤrgersfrau auf ihre Art die Mode 
mitmachen. Und da brachten die 
Dresdner Kaufleute denn die neuesten 
„Dresdner Moden“, die natuͤrlich nur 
ein billiger Abklatsch der Pariser waren, 
mit billigerem Material arbeiteten, 
aber schließlich doch ihren Zweck er— 
fuͤllten, den Frauen und Maͤdchen 
die Illusion der Schoͤnheit zu geben. 
Außerdem gabs auch manche Geschaͤfte, 
die sich auf das Auffrischen von nicht 
mehr ganz sauberen oder beschaͤdigten 
Kleidungz⸗ und Modegegenstaͤnden 
legten und damit recht gut durchkamen. 
Denn bei den modischen hellen und 
Wochenstube im Jahre 1785.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.