Path:
Von Bürgern und Kindern

Full text: Sittengeschichte Berlins / Ostwald, Hans (Public Domain)

433 
Thodowiecki: 1785: 
Heiratsantraqg 
Das Leben der Buͤrgerfrauen in der preußischen Residenzstadt war den 
gleichen Verhaͤltnissen unterworfen, wie sie schon in den vorstehenden Kapiteln 
beschrieben sind. Als Berlin eine Stadt von Bedeutung wurde, war das 
Buͤrgertum ziemlich bedeutungslos geworden. Schon unter den ersten 
Hohenzollernfuͤrsten hatten die Buͤrger geklagt, daß die besten Haͤuser und 
Grundstuͤcke in die Haͤnde von Hofdienern und Hoͤflingen uͤbergingen. Aus 
einer Buͤrgerstadt war eben eine Residenz geworden. Der Hof bestimmte 
das Leben. Die Buͤrger, einst selbstherrlich und mit Bedacht ihr eigenes 
Leben politisch und kuͤnstlerisch ausgestaltend, wurden nun im besten Falle 
Hoflieferanten. Unter Friedrich Wilhelm J. wurde es ihnen am fuͤhlbarsten 
beigebracht, daß der Hof zu bestimmen hatte. Die Buͤrgerfrauen mußten 
Janz genau so unter der Strenge des Koͤnigs leiden, wie die Damen. Auch 
sie konnten ihr Schmuckbeduͤrfnis nur in Kanten und Spitzen aͤußern, die sie 
sich auf die sonst einfache Kleidung hefteten. So ist denn auch nicht bekannt 
geworden, daß dem Koͤnig die Frauen mit besonderer Schwaͤrmerei anhingen. 
Seinem Sohne aber streuten sie Blumen auf den Weg und warfen sie Lorbeer— 
kraͤnze in den Wagen, als er aus dem ersten Schlesischen Kriege heimkehrte: 
sie waren ihm dankbar, daß er ihr Leben bereichert, daß er Sinn fuͤr Theater, 
Konzert, Literatur, Kunst und Wissenschaft und alle schoͤnen Dinge des 
ußeren Lebens gezeigt hatte. In der Haushaltung waren sie trotz des 
freieren Lebens nicht weniger sparsam und streng. Die Buͤrgerinnen arbeiteten 
mit in der Kuͤche, spannen an den Winterabenden mit ihrem Gesinde und 
geizten nach dem Ruhme eines wohl eingerichteten Haushalts. Der Bositz 
eines reichen Vorrats an selbstbereiteter Leinwand gehoͤrte zum Stolz der 
Buͤrgersfrau. (Siche Wilcken im Historischen Kalender 1823.) 
X
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.